Wir Ankerkinder

1938 wurde sie mit einem Kindertransport von Wien nach England geschickt. 70 Jahre später flüchtete er als 13-Jähriger von Afghanistan nach Österreich. Ein Erfahrungsaustausch unter "Ankerkindern“.

Erschienen in Die Furche 19/1/2012


Dora Schimanko bestellt eine Melange, Golam Reza einen schwarzen Tee. Er spricht leise und bedacht, ihre Stimme ist schneidig und resolut. Er erzählt von seiner Frisör-Lehre, sie klagt über ihre widerspenstige Naturwelle. 62 Jahre liegen zwischen ihnen, aber eine Erfahrung eint sie: Beide waren sehr jung, als sie ihre Heimat verlassen mussten. Beide flüchteten allein, ihre Eltern kamen später nach. Dora und Golam sind die Schicksale hinter dem Un-Wort "Ankerkinder“.

Die Furche: Sie beide waren sehr jung, als sie ohne ihre Eltern fliehen mussten. Wie wurden Sie auf die Reise vorbereitet?

Dora Schimanko: Für mich kam es nicht überraschend. Meine Eltern hatten vor, Österreich mit mir gemeinsam zu verlassen. Aber dann hatte eine Bekannte, die einen Kindertransport nach England begleitete, plötzlich einen Platz frei, weil ein Kind krank war. Die Mutter hat gesagt: "Du fährst halt voraus.“ Das ist dann sehr schnell gegangen.

Golam Reza: Auch ich habe mich schnell entscheiden müssen. Ich war mit meiner Mutter und meinen Geschwistern im Iran. Dort war es furchtbar, Afghanen wurden sehr schlecht behandelt. Als ich elf war haben mich Polizisten geholt. Sie haben meine Freunde und mich verprügelt und uns dann gezwungen ihre Toiletten zu putzen. Ich konnte dort nicht bleiben, wollte nach Europa. Ich habe einen Schlepper gefunden und mit meiner Mutter geredet. Drei Tage später bin ich schon gefahren. Ich hatte Kekse mit, Wasser und warme Sachen zum Anziehen. Aber ich hatte gar keine Ahnung, wie gefährlich es ist, nach Europa zu kommen.

Dora: Ich hatte den Vorteil, dass mein Großvater und mein Onkel schon in England waren. Ich wurde von meiner Familie abgeholt. Aber die anderen Kinder auf dem Transport sind ins Ungewisse gefahren. Die haben die ganze Zeit nur geweint.

Die Trennung von den Eltern, die Fahrt ins Ungewisse, die fremde Sprache, die neuen Sitten: Obwohl 70 Jahre dazwischen liegen, weisen die Erfahrungen von Dora und Golam Parallelen auf.

Golam: Ich war zweieinhalb Monate unterwegs. Viele, die ich auf dem Weg getroffen hab, waren so alt wie ich, manche auch jünger. An der Grenze zwischen Iran und Türkei mussten wir zu Fuß über Berge gehen. Von der Türkei wollten wir mit einem Schlauchboot nach Griechenland rudern. Ich hatte große Angst, das Meer war riesig. Nach drei Stunden hat uns die Polizei entdeckt und in die Türkei zurück geschickt. Sie haben zwei Löcher ins Boot gemacht, damit wir uns beeilen. Ein Mann ist ins Wasser gesprungen und wollte schwimmen. Ich weiß bis heute nicht, was mit ihm passiert ist.

Dora: Auch mich drückt es noch heute, dass ich nicht weiß, was aus dem Kind geworden ist, dessen Platz im Zug ich bekommen habe.

Die Furche: Wie erlebten Sie die erste Zeit in England bzw. Österreich?

Dora: Obwohl ich schon sechs war, wurde ich in den Kindergarten geschickt, aus sprachlichen Gründen. Das war schlimm für mich.

Golam: Ich bin nach zwei Wochen in Traiskirchen in ein Haus der Diakonie nach Mödling gekommen und bin in die Hauptschule gegangen. Das war schwer. Die Sprache war neu, die Schrift, ich musste erst das Alphabet lernen. Drei Monate lang hatte ich gar keinen Kontakt zu meiner Familie. Das Rote Kreuz hat mir geholfen, sie zu finden.

Dora: Meine Eltern sind nach sechs Wochen nachgekommen. Kurz vor Kriegsbeginn haben sie mich aber noch einmal weggeschickt, von London in ein englisches Dorf. Das war ein Schock für mich. Ich durfte kein Wort Deutsch sprechen, wurde anglikanisch getauft, musste drei Mal täglich beten.

Golam: Ich wollte nur arbeiten, damit ich meiner Familie Geld schicken kann. Aber es ist mir sehr schlecht gegangen. Ich konnte nicht schlafen, war immer traurig. Dann hat mir mein Betreuer gesagt, dass meine Familie vielleicht nachkommen kann.

Die Furche: Wie lange hat es gedauert?

Golam: Ein Jahr und acht Monate. Meine Patin hier hat mir sehr geholfen, aber es war kompliziert. Meine Mutter und meine Geschwister mussten einen DNA-Test machen und extra vom Iran nach Afghanistan reisen, um sich neue Dokumente ausstellen zu lassen. Im Sommer sind meine Mutter, meine zwei Schwestern und meine drei Brüder in Wien angekommen. Jetzt gehen meine Brüder in die Schule, die Schwestern in den Deutschkurs und wir wohnen im zweiten Bezirk. Jetzt geht es mir gut, ich habe keine Sorgen mehr.

Dora: Ich wohne nur ein paar Straßen weiter. Ich bin 1946 mit meiner Mutter nach Wien zurückgekehrt. Dass ich ein jüdisches Kind war, hat man mich auch damals noch deutlich spüren lassen. Mit 14 Jahren habe ich noch nicht realisiert, wie schwierig das Zurückkommen nach Österreich war.

Golam: Ich habe hier nicht viele schlechte Erfahrungen gemacht. Ich glaube, viel liegt bei einem selber. Wenn man nett ist, sind die anderen Leute auch nett zu einem.

Die Furche: Können Sie heute, als Mutter und Großmutter, nachvollziehen, dass man sein Kind allein fortschickt, wenn es im eigenen Land zu gefährlich wird?

Dora: Auf jeden Fall. Aber eines muss wirklich gesagt sein: Leichtfertig lässt keine Mutter ihr Kind ziehen.