Wie arm ist Österreich wirklich?

Wie liest man die Armutsstatistik richtig? Steigt die Armut in unserem Land, oder wird Österreich absichtlich arm gerechnet? Darüber diskutieren Matthias Till, Armuts-Experte der Statistik Austria, und der Wirtschaftspublizist Michael Hörl.

Erschienen in Die Furche, 15/3/2013


In wenigen Tagen werden der neue Bericht zu den Europäischen Armutszahlen und eine Übersicht über nationale Indikatoren veröffentlicht. Eine "Inflation an Armutskennzahlen" nennt der Wirtschaftspublizist Michael Hörl das. Matthias Till, Armuts-Experte der Statistik Austria, hält beim Streitgespräch in der Hauptbücherei Wien dagegen. Eine Diskussion über Begrifflichkeiten und Aussagekraft von Armutsstatistik.

12,6 % der österreichischen Bevölkerung gelten als "armutsgefährdet". Ihr Haushaltseinkommen beträgt weniger als 60 Prozent des Medians. Für einen Einpersonenhaushalt sind das weniger als 1.066 Euro, für eine Familie mit zwei Kindern weniger als 2.238 Euro im Monat. (EU-SILC 2011)

DIE FURCHE: Jedes Jahr werden Armutsstatistiken mit klaren Aussagen veröffentlicht. Lässt sich über das Thema eigentlich diskutieren?

Matthias Till: Armut ist eine Frage der Menschenrechte und eignet sich nicht gut für ein Streitgespräch. Worüber man aber diskutieren kann, sind die Indikatoren zur Armut, die wir auch berechnen.

Michael Hörl: Das Problem ist, dass wir in Österreich eine Inflation an Armutskennzahlen haben, die politisch instrumentalisiert werden, um eine soziale Abstiegsangst zu erzeugen.

DIE FURCHE: Sie meinen die europäischen SILC-Zahlen und die nationalen Indikatoren. Warum braucht man beides?

Till: Der Indikator zur Armutsund Ausgrenzungsgefährdung, den die europäischen Staats- und Regierungschefs 2010 beschlossen haben, ist eine wesentliche und politisch legitimierte Kennzahl, um das Problem Armut zu beschreiben. Unabhängig davon haben wir in Österreich schon 2008 begonnen, in einem Gremium, das von den Sozialpartnern, der Armutskonferenz, Forschungseinrichtungen, Ministerien und Ländervertretern besetzt war, überlegt, welche Kennzahlen notwendig wären, um zu beschreiben, was in Österreich passiert. Deshalb gibt es einen Katalog von Indikatoren, die die spezifische österreichische Situation abbilden sollen.

4 % oder 325.000 Menschen in Österreich sind laut EU-Definition "erheblich materiell depriviert". Auf sie treffen mindestens vier von neun definierten Merkmalen zu: Sie können ihre Wohnung nicht warm halten, regelmäßige Zahlungen nicht pünktlich begleichen, unerwartete Ausgaben nicht bezahlen, es sich nicht leisten, einmal im Jahr Urlaub zu machen, jeden zweiten Tag Fleisch zu essen oder ein Auto, eine Waschmaschine oder ein Telefon zu kaufen. (EU SILC 2011)

Hörl: Die Teilnehmerliste des Gremiums zeigt, dass drei Viertel der Experten aus eher linksgerichteten Organisationen kamen.

Till: Das stimmt nicht. Außerdem wurde nicht nach dem Mehrheitsprinzip abgestimmt. Die nationalen Indikatoren wurden in einem Konsens zwischen allen Teilnehmern beschlossen.

DIE FURCHE: Was stört Sie denn an den nationalen Indikatoren, Herr Hörl?

Hörl: Auf EU-Ebene gibt es die Definition "materielle Deprivation." Das ist ein Indikator, der in der ganzen EU relativ objektiviert abgefragt wird. Seit zehn Jahren gelten in Österreich um die vier Prozent als "manifest arm".

Till: Als "materiell depriviert", meinen Sie. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Hörl: Ja, aber bleiben wir bei den vier Prozent. Das sind die wirklich Armen. 96 Prozent sind es aber nicht. Wenn man aber täglich die Medien konsumiert, hat man das Gefühl, es ist umgekehrt. Und jetzt hat man in Österreich geschaut, wie man das verändern kann. Auf EU-Ebene ist es ein Indikator für "materielle Deprivation", wenn man sich keine Waschmaschine, kein Auto oder Handy leisten kann. Aber weil Soziologen von der Uni Wien herausgefunden haben, dass in Österreich auch viele arme Menschen diese Dinge besitzen, hat man einen neuen Indikator kreiert, den man "finanziell depriviert" nennt, und in dem der Besitz von Waschmaschine oder Auto keine Rolle mehr spielt. So sind plötzlich mehr Menschen davon betroffen.

Till: Auch das stimmt nicht. Der Indikator für "finanzielle Deprivation" wurde in Österreich 2008 gemeinsam beschlossen. Auf EU-Ebene wurde "erhebliche materielle Deprivation" erst 2010 eingeführt. Es wurde also von uns nichts weggestrichen. Und welche Merkmale auf "finanzielle Deprivation" hinweisen, ist damals 2008 nicht willkürlich kreiert worden. Das Gremium hat ganz bewusst sieben Punkte ausgewählt, die von der Mehrheit der Bevölkerung als absolut notwendig für einen Mindeststandard angesehen werden. Und Dinge wie ein Urlaub oder ein Auto wurden eben nicht als absolut notwendig erachtet. Deshalb sind sie in der Definition nicht drin.

DIE FURCHE: Warum braucht man zusätzlich zur Armutsgefährdung und zur finanziellen Deprivation noch einen Indikator für "manifeste Armut"?

Till: In einem reichen Land ist Armut nicht nur vom Einkommen abhängig. Man kann bei einem niedrigen Einkommen nicht-arm sein, wenn man Vermögen besitzt, oder wenn einem Studenten die Wohnung von den Eltern bezahlt wird. Deshalb wollen wir unterscheiden zwischen niedrigem Einkommen und dem niedrigen Einkommen, das dazu führt, dass man nicht an der Gesellschaft teilnehmen kann.

9,7 % der Bevölkerung, oder 781.000 der Bevölkerung, oder 781.000 Menschen gelten nach den nationalen Indikatoren als "verfestigt finanziell depriviert". Auf sie trifft die Definition "finanziell depriviert" mindestens zwei Jahre am Stück zu. Diese Zahl hat sich seit 2005 etwa verdoppelt. (Sozialbericht 2011-12)

Hörl: Gerade die Studenten zählen aber zu den Betroffenen, wenn sie Ihren Fragebogen zur Deprivation beantworten. Welcher Student kann schon "unerwartete Ausgaben bis 950 Euro" begleichen? Oder Freunde einmal im Monat zum Essen einladen? Mit solchen Fragen scheinen plötzlich eine viertel Million Studenten in der Armutsstatistik auf.

Till: Egal ob Lehrling oder Student, jeder kennt Lebensphasen, wo man vielleicht einmal wirklich gar kein Geld hat. Entscheidend ist, ob es eine Perspektive gibt oder einen das ein Leben lang begleitet. Einer der nationalen Indikatoren betrifft deshalb die "verfestigte Deprivation", der die Dauerhaftigkeit von Problemlagen über die Zeit erfasst.

DIE FURCHE: Herr Hörl, Sie kritisieren auch, dass die Armutsgefährungsschwelle bei 60 Prozent des Medianeinkommens angesetzt wird. Wie sollte man denn erheben, wie viel Geld jemand braucht, um sich einen Mindestlebensstandard leisten zu können?

Hörl: Man sollte die Schwelle bei 50 Prozent ansetzen. Zuallererst brauchen wir aber eine ausgewogene Berichterstattung, und eine Diskussion, in der sich auch Konservative und Liberale zu Wort melden. Aber Journalisten verstehen die unterschiedlichen Kennzahlen noch weniger als die Bevölkerung, und machen aus 1,4 Millionen Menschen, die als "armuts- und ausgrenzungsgefährdet" gelten, Schlagzeilen, die lauten: "1,4 Millionen Menschen sind arm." Und Caritas, Arbeiterkammer und Gewerkschaften stellen diese Zahlen den Leuten jeden Tag vor die Nase, machen ihnen Angst und suggerieren "Jeden kann es treffen." Dabei geht es in Wahrheit um Spenden, Subventionen und Politik.

Till: Klar geht es um Politik. Das Europäische Parlament, die Staatsund Regierungschefs haben sich verpflichtet, die Armut zu reduzieren. Was sollen sie denn anders machen als Politik?

1, 4 Mio. Menschen sind in Österreich "ausgrenzungsgefährdet". Sie sind durch ein niedriges Einkommen armutsgefährdet, gelten als materiell depriviert oder leben in einem Haushalt, der von Erwerbslosigkeit betroffen ist. Zwischen 2008 und 2011 sank dieser Wert trotz Wirtschaftskrise. (EU-SILC 2011)

Hörl: Die 12 Prozent Armutsgefährdete wird es immer geben.

Till: Nein, weil wir auch Unterschiede zwischen den Staaten sehen. Österreich steht im europäischen Vergleich wirklich gut da, aber ein neuer EU-Indikator, der im Dezember in Wien präsentiert worden ist, zeigt zum Beispiel, dass die Kinderarmut bei uns vier Mal so hoch ist wie in Schweden. Gerade da kann man etwas tun. Die Unterschiede zwischen Männer und Frauen beim Armutsgefährdungsrisiko betragen 30 Prozent. Wenn man für Frauen die gleichen Lebensbedingungen wie für Männer herstellt, hätte man das Ziel der Regierung, die Zahl der Ausgrenzungsgefährdeten innerhalb von zehn Jahren um 235.000 zu verringern, schon erreicht. Die Statistik liefert klare Indizien, wo man etwas machen kann. Es geht auch nicht darum, ob es 1,4 Millionen Ausgrenzungsgefährdete in Österreich gibt, sondern ob es weniger werden, und bei welchen Gruppen es Potenzial gibt. Hörl: Bei den Menschen kommt das aber anders an. Dadurch, dass immer mehr Kennzahlen hervorgezaubert werden, und sich niemand mehr auskennt, bleibt das Gefühl, dass es schlecht steht um unser Land.

DIE FURCHE: Tut es das, Herr Till?

Till: Nein, was den europäischen Indikator betrifft, ist die Entwicklung durchaus günstig. Aber das ist nicht in allen Bereichen so: Gleichzeitig zu einem immer kleiner werdenden Kreis an Betroffenen gibt es eine Intensivierung von Armut. Besonders extreme Formen nehmen zu. Und das unterscheidet Österreich von anderen Ländern.

Hörl: Das betrifft aber nur eine halbe Million Menschen. Auf deren Rücken darf nicht Politik gemacht werden. Till: Aber wenn Österreich das einzige Land ist, wo diese Verfestigung stark zunimmt, muss man dort genau hinschauen, um die richtigen Maßnahmen zu treffen. Das kann man nicht schönrechnen.


Matthias Till, geboren 1975, ist Bereichsleiter für Analysen und Prognosen in der Bevölkerungsabteilung der Statistik Austria. Seit 1998 ist der studierte Soziologe mit Armutsstatistik auf österreichischer und europäischer Ebene befasst. Bei der Statistik Austria ist Till verantwortlich für die Entwicklung von nationalen Indikatoren für Armut und soziale Eingliederung. Außerdem unterrichtet er am Institut für Soziologie an der Universität Wien.

Foto: Katrin Bruder/ Die Furche

Seine kontroversen Thesen brachten Michael Hörl den Beinamen "Kapitalismus-Professor" ein. Der 1969 geborene Salzburger ist Wirtschaftspädagoge und -publizist in Salzburg. Er unterrichtet an der Salzburger Tourismusschule Kleßheim. Sein Wirtschafts- und Menschenbild hat er in zwei Büchern niedergeschrieben: "Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute" und zuletzt "Die Gemeinwohl-Falle" (beide erschienen im ecobizz-Verlag) .