Die Kinder vom Blindenheim

Kein Geschäft mehr, keine Bahn, keine Post: St. Georgen am Reith sah schon bessere Tage. Fünfzig Flüchtlinge gaben der kleinen Gemeinde im Ybbstal nun die Zukunft zurück

Erschienen in News 4/16


An Wintertagen wie diesen, an denen es die Sonne erst am Vormittag über den Bergsattel schafft, wurde in St. Georgen am Reith besonders viel über die Vergangenheit geredet. Über die Zeit, als der Erzberg die Gegend so reich machte, dass es vier Hammerwerke im Ort gab. Über die Zeit, als erst die Ybbstalbahn und dann die Rohrleitung gebaut wurde und mehr als tausend Menschen in der Gemeinde lebten. Oder über die Zeit, als das große Wirtshaus neben der Kirche ein Sommererholungsheim des Blindenverbandes war und jedes Jahr 600 Gäste das Dorf belebten.

Heute leben nur mehr 555 Menschen in der niederösterreichischen Kleingemeinde, und überhaupt ist kaum mehr etwas wie früher. Das Blindenheim wurde nach mehr als 80 Jahren 2009 zugesperrt. Ein Jahr später wurde die Bahnstrecke eingestellt. Die Raiffeisenbank und die Post machten zu. Vor eineinhalb Jahren schloss der letzte Greißler. Es schien, als wären die guten Tage vorbei, in St. Georgen am Reith. Bis die Flüchtlinge kamen.

Seit drei Monaten leben 24 Erwachsene und 25 Kinder aus den Kriegs- und Elendsgebieten dieser Erde im ehemaligen Blindenheim. Damit hat die Mostviertler Gemeinde eine der höchsten Flüchtlingsquoten Österreichs. Fast 50 Asylwerber auf 555 Einwohner. Kann das gut gehen?

Rettung für die Volksschule

Mitte Oktober wollte daran kaum jemand glauben in St. Georgen am Reith. Als Helmut Schagerl, der Bürgermeister, zu einer Informationsveranstaltung ins Gemeindeamt lud, kamen mehr als dreihundert Einwohner. Viele waren wütend. "Warum bei uns? Warum so viele?“, wollten die St. Georgener von ihm wissen. "Die werden in unsere Häuser einbrechen und unsere Frauen belästigen“, fürchteten manche. "Das Leben stellt einen manchmal vor Notwendigkeiten, denen man sich stellen muss“, sagte Schagerl ihnen. Am 28. Oktober kamen die ersten Kleinbusse aus Traiskirchen an. Sie brachten die Rahmanis aus dem Irak, die Almohamads aus Syrien, die Husseinis aus Afghanistan. Insgesamt elf Familien, fast alle mit Kindern.

"Sie haben in unserem Ort unglaublich viel in Bewegung gebracht“, sagt Andreas Rautter. Er ist Mittelschullehrer in der Nachbargemeinde und ehrenamtlicher Flüchtlingskoordinator im Dorf. Rautter dirigiert eine fünfzigköpfige Freiwilligengruppe, sammelt Spenden, organisiert Transporte, Freizeitaktivitäten und Patenfamilien für die Asylwerber. Seit sie da sind, hat er neun Kilo abgenommen.

Rautters eigene Geschichte ist untrennbar mit St. Georgen verbunden. Fünfzehn Jahre war er Bürgermeister der Gemeinde, sein Vater leitete die Volksschule, seine Mutter zwölf Jahre lang das Blindenerholungsheim. "Im Sommer habe ich immer mit den blinden Kindern gespielt“, sagt er. Jetzt kennt er jedes Flüchtlingskind mit Namen: die neun Kleinkinder, die Berufsschülerin, die sieben Kinder, die in die Neue Mittelschule im Nachbarort gehen, die vier Volksschüler und die zwei Kindergartenkinder. Sie sind für St. Georgen besonders wertvoll.

Es ist nicht allzu lange her, dass die St. Georgener Volksschule nur elf Schüler hatte. Immer wieder wanderten Gerüchte durchs Dorf, dass die Schule bald ganz geschlossen würde. Abzusehen war das zwar nie, aber Renate Wimmer, die Direktorin, räumt ein, dass die Sorge, wieder auf nur eine Klasse reduziert zu werden, sie begleitet. "In 50 Minuten vier Schulstufen gleichzeitig zu unterrichten ist ungleich mehr Arbeit für uns Lehrerinnen“, sagt sie. Doch dank der Flüchtlingskinder gibt es nun 32 Volksschüler in St. Georgen, und die zwei Schulklassen sind gesichert.

Geld für den Kindergarten

Auch im Kindergarten gleich nebenan sorgen die Flüchtlinge für eine positive Veränderung. Dank ihnen soll der Kindergarten nächstes Jahr generalsaniert werden. Denn mit den Flüchtlingen, die alle im ehemaligen Blindenheim ihren Hauptwohnsitz haben, kommt St. Georgen heuer erstmals seit den 1970er-Jahren auf über 600 Einwohner. Und mit jedem Einwohner steigt die Zuwendung, die der Ort über den Finanzausgleich aus dem Landestopf bekommt. 736 Euro pro Jahr bringt jeder Einwohner einer Kommune in Niederösterreich im Schnitt. Durch die Flüchtlinge wird Bürgermeister Schagerl ab nächstem Jahr, wenn die neue Bevölkerungszahl in der Berechnung schlagend wird, 37.000 Euro mehr zur Verfügung haben. Damit soll der Kindergarten renoviert werden. Seit die Flüchtlinge da sind, spricht man in St. Georgen wieder mehr über die Gegenwart.

Rina Harun ist heute zum ersten Mal hier und wird trotzdem an die Vergangenheit erinnert. Vor 24 Jahren kam sie selbst als Flüchtling aus dem Irak nach Österreich und verbrachte damals vier Monate in einem Quartier am Hochkar, ganz in der Nähe von St. Georgen. Jetzt ist sie interkulturelle Mitarbeiterin des Landes und besucht jeden Tag einen anderen Kindergarten, um mit arabischsprachigen Flüchtlingskindern zu spielen und für ihre Eltern zu übersetzen.

Vieles erinnert sie hier an ihre eigene Situation damals: "Ich war eine junge Frau, aber meine Brüder waren Kleinkinder. Wir hatten dieselben Schwierigkeiten wie diese Familien heute.“ Die Unsicherheit, wie lange man bleiben kann. Die langen Wartezeiten auf das erste Interview fürs Asylverfahren. Die Sprachschwierigkeiten, das fehlende soziale Netzwerk, der enge Raum, auf dem man mit fremden Menschen zusammenleben muss.

So weit wie möglich versuchen Andreas Rautter und die anderen Freiwilligen, im Flüchtlingsheim zu helfen: Sie erklärten, dass die Sirenenprobe am Samstag zu Mittag kein Anlass zur Sorge, sondern Routine ist. Sie zeigten vor, wie man den Müll richtig trennt und übten mit den Männern. Sie stellten fünf Herde in die Küche im Blindenheim, sodass sich nur jeweils zwei Familien absprechen müssen. Zweimal in der Woche unterrichten sie in der Volksschule Deutsch für die Erwachsenen. Sie treffen einander zum Keksebacken und Fußballspielen, organisieren Einkaufsfahrten und Feiern. Sie nennen sich "Miteinander in St. Georgen“, haben ein Spendenkonto und einen E-Mail-Verteiler. Sie sind viele, aber bei Weitem nicht alle. Denn auch in St. Georgen gibt es Menschen, die mit der Gegenwart unzufrieden sind.

"Ich sage nur so viel: Nicht alle finden das gut“, sagt ein Landwirt, der seinen Namen nicht verraten will und dann doch noch etwas mehr sagt. Dass der Bürgermeister, der seit 2013 auch für die SPÖ im niederösterreichischen Landtag sitzt, sich profilieren wolle. Dass es jetzt zwar funktioniere, aber er sich frage, was denn wird, wenn all die Frauen, die sich momentan so engagieren, sich einmal nicht mehr dafür interessieren. Dass zehn Prozent Flüchtlinge einfach zu viel seien.

Erinnerungen an 1945

Im Gasthaus von Felicitas Prosini, die hier nur die "Gulaschwirtin“ heißt, kam es vor Kurzem zu einer unfreundlichen Begegnung: Als zwei Burschen aus dem Flüchtlingsheim allen Gästen am Stammtisch zur Begrüßung die Hand schütteln wollten, verweigerte ein Bauer den Handschlag. "Das ist aber nur ein Mal vorgekommen“, sagt Prosini.

Die zweite Wirtin im Dorf, Pauline Sonnleitner, bekommt noch weniger von den Flüchtlingen mit. Früher lebte das Wirtshaus vor allem von den blinden Sommergästen. "Wir hatten eine Kegelbahn und ein Klavier. Deswegen haben viele Blinde fast jeden Abend bei uns verbracht“, erzählt Sonnleitner. Heute bleiben die Gäste aus.

In einer Ringmappe sammelt sie Zeitungsausschnitte, die alle wichtigen Ereignisse in St. Georgen dokumentieren: die Restaurierung der Kirche, das Ringen um das Blindenerholungsheim, die letzte Fahrt der Eisenbahn. Die jüngsten Berichte vom Herbst kündigen an, dass bald Flüchtlinge nach St. Georgen kommen werden. Besorgt war die 87-Jährige deswegen nie. "Das Schimpfen überlass ich den anderen“, sagt sie und erzählt von damals, 1945: Sie war acht Jahre alt, als russische Besatzungssoldaten im Haus der Familie ihre Kommandantur einrichteten. Die Familie musste das Haus verlassen: "Wochenlang haben wir in einer ganz alten Hütte am Waldrand gehaust“, erzählt sie. "Es war furchtbar.“

Die Vergangenheit und die Gegenwart liegen für Pauline Sonnleitner gar nicht so weit auseinander. In den Kindern vom Blindenheim, den kleinen Syrern, Afghanen und Irakern, die gerade an ihrem Fenster vorbei zur Busstation spazieren, sieht sie auch ein bisschen sich selbst: "Was soll man denn dagegen haben? Das sind Kinder, und sie brauchen Hilfe“, sagt sie.

Zukunft für St. Georgen

Unter der Woche ist in St. Georgen nur wenig los. Die meisten Menschen pendeln zum Arbeiten aus dem Dorf im kältesten Winkel Niederösterreichs. Eine halbe Autostunde nach Waidhofen an der Ybbs, eine Stunde bis Amstetten, eineinhalb bis Linz. Öffentlich kommt man nur mit dem Postbus weg. Der war bis vor Kurzem nur selten ausgelastet.

Doch jetzt fahren die Flüchtlinge mit dem Bus in die Schulen in den Nachbarorten oder in die Geschäfte nach Waidhofen. Und so haben die neuen Bewohner des Blindenheims Auswirkungen auf die ganze Region: Im Nachbarort Hollenstein sind sieben von 71 Schülern der Neuen Mittelschule Flüchtlingskinder. "Für uns ist das wichtig“, sagt die Direktorin Christine Bauer. Vor 20 Jahren gab es noch acht Klassen, heute sind es mit Flüchtlingskindern vier.

In Waidhofen profitiert ein türkischstämmiger Lebensmittelhändler so sehr von der neuen Kundschaft, die gern getrocknete Bohnen und Halal-Fleisch kauft, dass er sogar einen Shuttle-Service für seine neuen Kunden eingerichtet hat. Und zwei Frauen, die früher keine Beschäftigung hatten, sind nun als Betreuerinnen im Flüchtlingsheim angestellt.

So ist an Wintertagen wie heute, die dunkel und kalt sind, plötzlich auch wieder Hoffnung in St. Georgen. Darauf, dass manche auch bleiben, wenn ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Darauf, dass der Postbus in kürzeren Intervallen kommt. Darauf, dass vielleicht auch irgendwann wieder ein Geschäft aufsperrt. An diesen Wintertagen wird in St. Georgen am Reith wieder gerne über die Zukunft gesprochen.