Der Traum vom Everest

Ein Jahr nachdem Tenzing Norgay mit Edmund Hilary am Gipfel des Mount Everest stand, gründete er im indischen Himalaya eine Bergsteigerschule. Seit 60 Jahren werden dort junge Everest-Aspiranten ausgebildet. Ein Besuch im Berg-Bootcamp.

Erschienen in Land der Berge 5/2014


"Wer die Grundpfeiler des Instituts ignoriert, fliegt aus dem Kurs. Wer unpünktlich ist, Befehle missachtet, beim Rauchen oder Trinken erwischt wird, ebenso."

„Mein Name ist Pawell Sharma, ich war der erste Inder am Gipfel des Makalu und habe am Mount Everest zwei Finger verloren“, sagt der Lehrer, aufrecht und breitbeinig, und streckt zum Beweis seine verletzte Hand in die Luft. Falls die Folgen seiner Erfrierungen abschrecken sollen, hat die Einleitung ihre Wirkung verfehlt. Ein ehrfürchtiges Raunen geht durch das Klassenzimmer, die Bewunderung mündet in Spontanapplaus. Denn: Erfrierungen, schön und gut. Aber irgendwann einmal selbst auf dem Dach der Welt zu stehen, die eigene Heldengeschichte erzählen zu können, das ist der große Traum von Sharmas Schülern.

Seine Schüler sind diesmal aus 51 Männer und 15 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren, die in die indische Hügelstadt Darjeeling gekommen sind, um Bergsteigen zu lernen. Obwohl der Mount Everest für sie ein weit entferntes Ziel ist – viele sind zum ersten Mal überhaupt im Gebirge – beherrscht der höchste Berg der Welt den vierwöchigen Kurs im „Himalayan Mountaineering Institute“. Mit ihm hat schließlich auch alles begonnen, damals, vor 60 Jahren.

Indiens erste Berg-Schule

Als der Sherpa Tenzing Norgay 1953 von der Everest-Erstbesteigung mit Sir Edmund Hillary nach Indien zurück kehrte, war er ein Nationalheld. „Der Lockruf des Himalaya erreicht nun junge Menschen in ganz Indien“, jubelte Jawaharla Nehru, Indiens erster Premierminister, und träumte von einem Institut, das Bergsteigen zu einem organisierten Sport machen sollte. Es sollte in Darjeeling stehen, das sich sich Anfang der 1920er Jahre als Ausgangspunkt für die meisten Himalaya-Erkundungen etablierte, und die Wahlheimat des gebürtigen Nepalesen Tenzing Norgay war.

Gemeinsam mit dem B. C. Roy, dem ranghöchsten Minister des Bundesstaates Westbengalen, reiste Norgay deshalb im Sommer nach der Erstbesteigung in die Schweiz und besuchte die Bergführerschule in Bad Rosenlaui. Mit Ernst Feuz, dem Leiter der Schweizerischen Stiftung für alpine Forschung entwarfen sie ein erstes Konzept. Wenige Monate später besuchte der Schweizer Bergführer Arnold Glatthard Norgay in Darjeeling, unterstützte ihn bei der Erstellung des Lehrplans und der Suche nach einer geeigneten Bergregion. Am 6. November 1954 schließlich eröffneten Nehru, Roy und Norgay gemeinsam das Himalayan Mountaineering Institute.

Norgay wurde zum Direktor der Geländeausbildung ernannt, ein Job auf Lebenszeit, wie ihm Nehru versprach. Nach seinem Lehrplan wird noch heute, 18 Jahre nach seinem Tod, unterrichtet. Sechs Mal im Jahr findet am Institut einen Basis-Kurs statt, der immer gleich abläuft: Eine dreitägige Wanderung durch die Bergwelt von Sikkim führt zum Basecamp auf 4.500 Meter, das Norgay und Glatthard vor 60 Jahren begründeten. Dort, mitten im Kangchendzonga-Massiv, folgen zwei harte Wochen im Gletscher unter dem dritthöchsten Berg der Welt.

Drill im Tal

Doch bevor es in die Berge geht, soll ein Trockentraining in Darjeeling beim „Aussortieren“ helfen, wie der Direktor Samuel Larintulanga der Klasse bei der Begrüßung klar macht. „Disziplin, Einheit, Kooperation“ schreit die Fahne auf seinem Rednerpult in Großbuchstaben, und auch Larintulanga Stimme wird lauter. Wer die Grundpfeiler des Instituts ignoriert, fliegt aus dem Kurs. Wer unpünktlich ist, Befehle missachtet, beim Rauchen oder Trinken erwischt wird, ebenso.

"Nicholas macht den Kurs, um den Mount Everest zu besteigen. Im Mai 2017 will er oben stehen."

Die Kursteilnehmer reagieren darauf so unterschiedlich wie sie sind: Sieben junge Mädchen aus Kalkutta kichern unsicher und halten sich gegenseitig an den Händen. Sie haben gerade maturiert und hoffen auf ein lustiges Feriencamp. Sajid, ein 31-jähriger Jungunternehmer aus Mumbai, hofft darauf, im Kurs seine Willenskraft zu trainieren und träumt vom Eiger. Er begeget dem Direktor mit ehrgeizigem Ernst. Junge Burschen aus der Umgebung von Darjeeling spekulieren darauf, später als Bergführer zu arbeiten. Ein paar indische Soldaten wurden von ihren Einheiten geschickt. Sie kommen mit dem militärischen Führungsstil am besten zurecht. Unverkennbar sind diejenigen, die ganz hoch hinaus wollen. Nicholas, ein 26-jähriger Schönling aus Bangalore, ist einer davon. Er macht den Kurs, um den Everest zu besteigen. Im Mai 2017, verkündet er am ersten Tag, will er oben stehen.

Die Ausbildner wissen vom Everest-Traum vieler Schüler und füttern ihn mit Abenteuererzählungen. Sieben Expeditionen hat das Institut seit seiner Gründung selbst auf den höchsten Gipfel der Welt entsandt, zuletzt 2012, als Pawell Sharmas Finger abfroren. Dass mehr als 300 Bergsteiger seit der Erstbesteigung durch Norgay und Hillary auf dem Everest ums Leben kamen, ist nicht Kursinhalt. „Wir wollen den Schülern beibringen, es richtig zu machen“, rechtfertigt sich Direktor Larintulanga. Viele der Ausbildner gehören selbst zur Volksgruppe der Sherpa. Sie wissen um die guten Verdienstmöglichkeiten mit dem Everest-Tourismus. Und auch um die Gefahren, die er birgt.

Beim bisher schlimmsten Unglück auf dem Berg starben am 18. April sechzehn Sherpas beim Präparieren der Route für die Bergtouristen unter einer Eislawine. Sieben überlebten mit teils schwersten Verletzungen. „Unfälle wie diese lassen sich nicht vermeiden“, meint Jamling Tenzing Norgay, der Sohn des Everest-Pioniers: „Aber man kann dafür sorgen, dass die Familien im schlimmsten Fall gut abgesichert sind.“ Den diesjährigen Streik der Everest-Sherpas hält er für überfällig, genau wie ihre Forderungen nach einer angemessenen Versicherungssumme, höheren Entschädigungszahlen und einem Fonds für Sherpafamilien in Not.

Norgays Rückschlag in Darjeeling

Jamling Tenzing Norgay lebt in Darjeeling, zehn Minuten vom Himalayan Mountaineering Institute entfernt. Das imposante Haus mit Kangchendzonga-Blick, in dem er wohnt, erstand sein Vater am Höhepunkt seines Ruhmes. Auf das Berginstitut, das sich gerne mit dem Namen seines Vaters rühmt, ist der junge Norgay jedoch nicht allzu gut zu sprechen. Zu tief sitzt die Enttäuschung, die seine Familie hinnehmen musste. Als Tenzing Norgay nämlich 58 Jahre alt wurde, und damit das Pensionsalter für indische Beamte erreicht hatte, legte ihm die Regierung nahe, in Ruhestand zu treten. Von der Stelle auf Lebenszeit, die ihm Nehru versprochen hatte, wollte niemand mehr etwas wissen.

Zwar handelte Norgay aus, weiterhin als Berater für das Institut zu arbeiten, aber sein Enthusiasmus für das Institut war verloren. Stattdessen gründete er einen Kletterclub, um sozial benachteiligte Jugendliche ans Bergsteigen heranzuführen, und verdiente Geld mit einer privaten Trekking-Agentur. Sein Sohn Jamling übernahm diese Aufgaben nach seinem Tod 1986. Im Himalayan Mountaineering Institute engagierte er sich allerdings nicht: „Ich habe mehrmals versucht mich einzubringen, hatte Ideen wie man das Institut modernisieren kann“, erzählt er. Als ausgezeichneter Bergsteiger mit Ausbildung in den USA glaubte er, die Bergsteigerschule modernisieren zu können. „Aber ich habe nie eine Antwort bekommen.“ So mangelt es heute nicht nur an Einsatz, sondern auch an Budget: Seit zwei Jahren hat das Institut vom Staat Westbengalen kein Geld mehr bekommen, klagt der Direktor.

Lehrplan aus dem vorigen Jahrhundert

Tatsächlich wirkt vieles, was im Kurs unterrichtet wird, ein wenig überholt. Der Tag beginnt um 5.00 Uhr mit gemeinsamen Morgensport, dann folgt Material- und Knotenkunde oder Klettern am „Tenzing Rock“. Der Befehlston der Ausbildner gibt den Takt vor. Nach dem Mittagessen dann Theoriestunden – mit einem Lehrplan aus dem vorigen Jahrhundert. Der Lehrer der „Himalaya“-Klasse liest Namen der höchsten Gipfel der Welt vor, dann ihre Erstbesteiger. Herbert Tichy und Sepp Jöchler aus „Australia“ sollen die ersten Menschen auf dem Gipfel des Cho Oyu gewesen sein. Auch Kurt Diembacher und Hermann Buhl werden bei ihm zu australischen Expeditionsleitern.

"Die Mädchen aus Kalkutta kichern untertags. Abends weinen sie im Bett."

„Bleib unauffällig“, rät Sajid, der Jungunternehmer, und würgt damit den österreichischen Einspruch ab. Nicht nur das Ruhigbleiben ist schwierig, auch der Gruppendruck. „Ich habe meinen Eltern am Telefon gesagt, dass ich nicht weiß, wie lange ich es hier aushalte“, gesteht die 30-Jährige Aashna aus Delhi am dritten Tag. Sie hat – im Gegensatz zu vielen anderen – schon etwas Bergerfahrung, beim Sportprogramm hält sie gut mit. „Aber rund um die Uhr mit so vielen Leuten zusammen zu sein, das ist hart für mich“.

Nervenprobe im Basecamp

„Wir trainieren hier Aspekte der Persönlichkeit, die ihr in der beschützten Umgebung zu Hause nicht lernen könnt“, tröstet Pawell Sharma im Keppelton. Die Mädchen aus Kalkutta weinen abends im Bett. Trotzdem quälen sie sich eine Woche später in der langen Trekker-Karawane unter den schweren Rucksäcken den Berg hinauf. Selbst Tanya, die von Beginn an Knieprobleme hatte, und nicht länger als fünf Minuten in der Ebene laufen konnte, kommt mit. So streng die Ausbilder sich geben, so groß ist auch ihr Ehrgeiz, möglichst jeden ins Basecamp zu bringen. Das rächt sich später: Insgesamt 18 Teilnehmer müssen den Kurs vorzeitig abbrechen. Aus Erschöpfung oder Höhenkrankheit, mit Entzündungen oder Erfrierungen steigen sie ab. Die Enttäuschung ist groß. „Vielleicht sollten wir besser auswählen, wer mitkommt, aber bei dem schmalen Budget ist das nicht möglich“, gesteht ein Ausbilder nach einem langen Tag in der Kälte.

Wer durchhält, verbringt fast zwei Wochen im Basecamp, einem kleinen Dorf in den Bergen. In mehreren Baracken haben über hundert Menschen Platz, es gibt eine Essenshütte und sogar eine Toilette für die Frauen. Der bescheidene Komfort tröstet nur kurz über die vielen Kämpfe, die es auszufechten gibt. Mit der Kälte, mit der Langeweile, mit sich selbst. Das Wetter erlaubt nur an vier Tagen Gleschertraining, die restliche Zeit verbringt die Gruppe in den Holzbaracken. „Es ist eiskalt und gibt nichts zu tun. Das macht mich fertig“, klagt Sajid, der Jungunternehmer, der sich sonst immer um gute Laune bemüht. Er weiß, dass es jetzt um mentale Stärke geht, denkt an seinen Helden Tenzing Norgay. Im Institut, unten in Darjeeling, hat er Norgays Everest-Ausrüstung von 1953 gesehen: die klobigen Lederstiefel, die blaue Windjacke, die er auf dem berühmten Gipfelfoto trägt. Mit diesen Bildern versucht er die Moral hochzuhalten. Und es gelingt ihm.

Als das Wetter aufreißt, und sich die Fitteren in den frühen Morgenstunden auf zum 5.400 Meter hohen B. C. Roy-Peak machen, ist er dabei. Auf den letzten Metern zieht er sogar Aashna, die den Kurs doch nicht abgebrochen hat, mit. Zurück im Basecamp bricht sie in Tränen aus. Aus Stolz, Erleichterung, und auch Ärger. Denn mehr als die Hälfte der Gruppe bleibt lieber im Camp, als am Training teilzunehmen. Die Mädchen aus Kalkutta verbringen die Tage plaudernd im Schlafsack, sie genießen ihr Ferienlager. „Am Ende bekommen sie auch ein Zertifikat, obwohl sie kein einziges Mal am Gletscher und schon gar nicht am Gipfel waren“, schäumt Aashna. Die Strenge haben die Ausbildner in Darjeeling gelassen.

Wieder unten im Tal wird sie zur besten Schülerin des Kurses gekürt, Nicholas, der Everest-Aspirant, zum besten technischen Kletterer. Für ihn ist der Everest gerade ein bisschen geschrumpft, sein Traum greifbarer geworden. „Man kann niemandem absprechen, auf dem Mount Everest stehen zu wollen“, sagt auch Jamling Tenzing Norgay, „aber man kann sicherstellen, dass alle, die es versuchen, ausreichend Bergerfahrung haben.“ Ein paar 6000er, ein 7000er und der Cho Oyu als einfacher 8000er sollte jeder, der auf das Dach der Welt will, absolviert haben, meint er. Auch einen Kurs am Himalayan Mountaineering Institute? „Das kann nur der allererste Schritt sein.“