Hochwohlgeboren
mit großen Plänen

Ideologischer, beherrschter, härter: Johann Baptist Björn Gudenus ist Straches rechte Hand in Wien. Wie der Adelsspross seine politische Karriere anlegt

Erschienen in News 37/2015


Große Bühnen sind nicht seine Freunde. Beim Wahlkampfauftakt am Viktor-Adler-Markt vergangenen Freitag muss Johann Gudenus, wie so oft auf blauen Veranstaltungen, das Publikum auf Heinz-Christian Strache vorbereiten. Das wirkt, wie so oft bei ihm, eher einstudiert als authentisch. Gudenus ist Klubobmann der Wiener FPÖ, Nummer zwei im Bund und kein begnadeter Rhetoriker. Manchmal näselt er aus Versehen. Manchmal betont er an der falschen Stelle. Manchmal dehnt er Worte, wie es in der Wiener Hautevolee üblich ist, nicht aber in Favoriten.

Sichtlich wohler fühlt er sich da im Wiedener Traditionskaffeehaus, mit Lederbänken und getäfelten Wänden. Hier verbrachte Gudenus, den Freunde "Joschi" nennen, seine Pausen, als er noch Schüler im Nobelgymnasium war.

Karriere von oben

Eine Aufsteigergeschichte wie Strache, der Vaterlose aus einfachen Verhältnissen, kann seine Nummer zwei nicht vorweisen. Gudenus war schon immer oben. Als zweiter von vier Söhnen wurde er in eine adelige Familie geboren. Die Sommerferien verbrachte er auf dem Landgut der Familie im Waldviertel. Stadtwohnsitz war das Diplomatenviertel in Wieden. Er studierte Jus, besuchte die Diplomatische Akademie. Bisher lief alles nach Plan.

Johann Gudenus ist ein Mensch, der gerne Pläne macht. Jeden Abend schreibt er in eine schwarze Ledermappe, was er sich für den nächsten Tag vornimmt. Meistens ist das sehr viel. Schon früh wusste er, dass er wie sein Vater, John Gudenus, Politiker werden wollte. Der saß für die FPÖ im Bundesrat und wurde 2006 wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt. "Durch meinen Vater habe ich früh Einblick in die Politik bekommen", sagt Johann Gudenus heute.

Mit 16 engagierte er sich beim Ring Freiheitlicher Jugend, mit 19 wurde er Wiens jüngster Bezirksrat. Er wurde Obmann des RFJ, erst für Wien, später für ganz Österreich. In der "Deutschen Stimme", dem Organ der neonazistischen NPD, freute man sich damals: "An die Spitze des Jugendverbandes wurde mit Johann Gudenus ein überzeugter National-Freiheitlicher gewählt." Mit 29 zog er in den Wiener Gemeinderat ein, mit 34 wurde er blauer Klubchef im Rathaus. Jetzt, mit 39, will Strache ihn am liebsten zum Vizebürgermeister machen.

Für politische Mitbewerber ist das eine Drohung: "Man darf die Partie in der Wiener FPÖ, zu der Gudenus gehört, nicht unterschätzen", sagt David Ellensohn, der grüne Klubchef. "Sie haben höfliche Umgangsformen. Aber wenn sich die Geschichte wiederholen würde, wären sie diejenigen, die anderen Zahnbürsten in die Hand drückten." Auch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes beobachtet den blauen Klubchef: "Er ist immer wieder mit einschlägigen Aussagen zu den Themen Ausländer, Flüchtlinge und Asyl und mit Kontakten zur rechtsextremen Szene aufgefallen", erklärt man dort.

Alexander Pollak, der Sprecher der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch, hat diese Aussagen nun in einem Buch mit dem Titel "Hassprediger" analysiert: "Gudenus schafft permanent Fronten entlang von Herkunft und Religion. Das ist politisches Kalkül, aber auch seine Überzeugung. Für sein völkisches Weltbild ist er bereit zu lügen, zu diffamieren und menschenverachtende Dinge zu sagen", meint er. Pollak und Gudenus tragen ihre Meinungsverschiedenheiten regelmäßig über offizielle Aussendungen und manchmal sogar vor Gericht aus: Im Vorjahr wurde die FPÖ Wien wegen übler Nachrede verurteilt.

Auf das Buch angesprochen, gibt sich Gudenus entspannt: "Es zeigt, dass wir als Partei auf dem richtigen Weg sind. Weil wir uns nicht scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen."

Grobdeutsch und Schöndeutsch

Bei öffentlichen Auftritten oder in Aussendungen bedient er sich dafür einer eigenen Sprache: "Homosexuellenlobby", "Türkenbanden", der "Einmarsch" von "illegalen Asyl- Hotels","Attacken aggressiver Bettler", "systematischer Bevölkerungsaustausch". Es sind Schlagwörter, jedes Wort ist ein Treffer.

Im Zwiegespräch hingegen vergisst Gudenus seine gute Erziehung nie. Da ist er höflich, freundlich, korrekt. "Man muss die Sprache anpassen an die Zeit, die einem zur Verfügung steht, eine Botschaft zu transportieren", sagt er und setzt nach: "Aber ich stehe zu all dem." Auf Schöndeutsch erklärt er: "Wir erleben gerade eine neue Form der Völkerwanderung mit all ihren Konsequenzen, das wird unseren Wohlstand belasten. Den ökonomischen wie auch den kulturellen." Gudenus kann auch gewählter ausdrücken, was er denkt. Dominik Nepp, sein Gemeinderatskollege und enger Freund, sieht darin seine größte Stärke: "Er hat eine hohe soziale Intelligenz, ist konzentriert und zielgerichtet. Was er tut, wägt er sehr genau ab." David Ellensohn, der grüne Klubobmann, ortet darin die größte Gefahr: "Diese Partie der Wiener FPÖ vertritt den geschulten Rechtsextremismus. Sie wissen genau, was sie sagen dürfen, ohne sich in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen."

Am liebsten spricht Gudenus sowieso über den Islam, der "nicht zu Europa passt", und Russland, das "ein Teil von Europa ist. Obwohl momentan im westlichen Mainstream propagandistisch gegen Russland gepeitscht wird." Vergangenen März reiste er auf die Krim und attestierte, das Referendum sei "ohne Druck und Zwang" vonstattengegangen. "Wien hätte die Möglichkeit gehabt, eine Plattform für diplomatische Gespräche zwischen Russland und der Ukraine zu werden", sagt er heute. Irgendwann, heißt es, will er Außenminister von Österreich werden.

Aber Politik, das weiß auch Gudenus, ist ein Feld mit vielen Unbekannten. Was, wenn sein Plan nicht aufgeht? "Dank meiner guten Ausbildung bin ich nicht abhängig von der Politik", sagt er. Vorerst ist aber die Wahlkampfbühne sein Parkett. Am Viktor-Adler-Markt schwingt er die Österreich- Fahne zwar sichtlich ungelenker, als Strache es tut. Auch das Wahlkampflied zu singen scheint ihm weniger Spaß zu machen. Aber er darf ganz vorne stehen. Alles nach Plan, so weit.