Gibt es genug Arbeit für alle, Herr Minister?

Rudolf Hundstorfer über Vollbeschäftigung, Arbeitsteilung und Generationengerechtigkeit.

Erschienen in Die Furche, 25/4/2013


Jede Krise ist eine Chance - von dieser Weisheit kann Rudolf Hundstorfer (SPÖ) ein Lied singen. Als Fritz Verzetnitsch 2006 im Zuge des BAWAG-Skandals das Feld räumen musste, folgte ihm Hundstorfer an die Gewerkschaftsspitze. Als ÖGB-Präsident gelang es ihm, die angeschlagene Arbeiter-Vertretung zu rehabilitieren. Heute gibt sich Hundstorfer als Arbeitsminister im Gespräch mit der FURCHE auch angesichts unerfreulicher Arbeitsmarktzahlen - 366.000 Menschen ohne Job, um zehn Prozent mehr, als im Vorjahr - zuversichtlich.

Die Furche: Ein Drittel aller Erwerbstätigen leidet unter psychosomatischen Erkrankungen, die Zahl der psychisch bedingten Krankenstände steigt drastisch genau wie die Neuzugänge in die Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspension aus psychischen Gründen. Das Gefühl, dass es so in der Arbeitswelt nicht mehr weitergehen kann, beschleicht nicht mehr nur Esoteriker oder politische Randgruppen. Was läuft da falsch?

Rudolf Hundstorfer: Natürlich ist der Druck gestiegen, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Ursache, die zu diesen Daten führt, ist eine Gesamtsituation. Darin spielt die Arbeitswelt keine unwesentliche Rolle, aber nicht die einzige. Ausschlaggebend sind auch die persönlichen Lebensumstände. Aber klar ist, dass es in der Arbeitswelt Veränderungsprozesse gibt: Die machen sich bemerkbar, etwa durch immer höhere Zielvorgaben.

Die Furche: Insgesamt hat sich die Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Hat das politische System von Abgaben und Versicherungen darauf schnell genug reagiert?

"Wir sollten froh sein, dass es gewisse Arbeiten nicht mehr gibt."

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Hundstorfer: Wir haben vieles nachvollzogen: bei der Arbeitszeit, beim Urlaubsrecht. Pflegeurlaub war vor 30 Jahren ein Fremdwort. Wir haben also auf Arbeitsbedingungen, die an Veränderungsprozesse angepasst wurden, auch mit sozialpolitischen Erweiterungen reagiert. Natürlich gehen die Veränderungen weiter. Eine relativ neue Entwicklung ist der erschwerte Einstieg ins Berufsleben in gewissen Berufen. Und der sich überproportional entwickelnde Anteil an Teilzeitbeschäftigten.

Die Furche: Von den 3,4 Millionen Beschäftigten in Österreich sind zirka ein Drittel in prekären Dienstverhältnissen, also befris-tet, in Leiharbeit, als freie Dienstnehmer oder Teilzeitkräfte.

Hundstorfer: Wobei Teilzeit nicht immer prekär ist. Rund die Hälfte von allen macht das freiwillig, möchte gerne Teilzeit arbeiten. Und bei den Leiharbeiten sind wir eines der wenigen Länder Europas mit einem ordentlichen Kollektivvertrag in diesem Sektor. Um den beneiden uns in Deutschland Gewerkschaften und die Wirtschaft.

Die Furche: Zustände wie etwa bei Amazon in Deutschland wären in Österreich so nicht möglich?

Hundstorfer: Nein. Bei uns gibt es für Leiharbeiter im Wesentlichen die gleiche Entlohnung wie bei der Stammbelegschaft. Allerdings nimmt man Leiharbeiter ja, weil man sie rasch verabschieden kann. Und das ist natürlich ein Nachteil für die Betroffenen: Sie leben in instabilen Verhältnissen, können nicht planen, bekommen manchmal schwerer einen Kredit.

Die Furche: Die klassische Vollzeitbeschäftigung betrifft nur rund 2 Millionen Menschen, Tendenz sinkend. Sie ist aber die Grundlage für arbeitsrechtlichen Schutz. Sehen Sie hier Nachholbedarf?

Hundstorfer: Bei Teilzeit ist arbeitsrechtlich alles abgesichert. Allerdings muss es natürlich ein Ziel sein, diejenigen, die nicht freiwillig Teilzeit arbeiten, in ein Vollzeitbeschäftigungsverhältnis zu holen. Wir haben uns bemüht, dass Überstunden teurer werden und damit ein bisschen etwas geschafft. Trotzdem müssen wir alle gemeinsam die Debatte führen, wie man den Anteil derer verringern kann, die Teilzeit arbeiten, weil man ihnen nix anderes anbietet oder die Rahmenbedingungen nichts anderes zulassen. Weil es zum Beispiel keinen ganztägigen Kindergarten gibt. Diese Rahmenbedingungen müssen wir ändern. Und das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die Furche: Auch wenn Teilzeitarbeiter rechtlich abgesichert sind: Leiharbeiter oder auch Menschen, die als Einpersonenunternehmer in die Selbstständigkeit gedrängt werden, kommen in den klassischen interessenspolitischen Strukturen nicht vor. Reagiert die Politik der Sozialpartner an ihnen vorbei?

Hundstorfer: Teilweise fehlt ihnen die Plattform, aber gerade die jüngeren Entwicklungen, vor allem bei der SVA (Anm: Sozialversicherung für Selbstständige) zeigen doch, dass man diese Gruppe langfristig nicht vernachlässigen darf, weil sie einen großen Kundenstock bildet. Dort kommt man davon ab, sofort zu mahnen, oder Kleinstunternehmer wegen Beitragsrückständen in den Konkurs zu treiben. Auch in der Wirtschaftskammer hat man das bemerkt, die Ein-Personen-Unternehmen stellen dort einen hohen Anteil der Mitglieder.

Die Furche: Wobei ich bezweifle, dass die sich dort immer gut vertreten fühlen …

Hundstorfer: Da bin ich bei Ihnen. Das wird immer wieder eine Debatte sein. Wir befinden uns hier in einem Umdenkprozess: Auch ein Teil der Gewerkschaftsbewegung steht dieser Gruppe zur Verfügung.


Foto: Gianmaria Gava/ Die Furche

Die Furche: Unser ganzes System beruht auf Vollbeschäftigung: Je mehr Menschen arbeiten, desto mehr Steuern werden gezahlt, und auch der Bedarf an Sozialleistungen bleibt niedrig. Heute sind aber immer weniger Menschen vollbeschäftigt und jede technische Innovation macht ein paar Berufe mehr überflüssig. Ist das Konzept Vollbeschäftigung zukunftstauglich? 

Hundstorfer: Ja. Natürlich macht die Innovation gewisse Berufe hinfällig, aber neue kommen dazu. Vor dreißig Jahren etwa hat man Wind so gut wie gar nicht als Energiequelle genutzt, heute ist das halbe Burgenland mit Windrädern bepflanzt. Wir haben dort gerade mitfinanziert, dass 150 Mechaniker und Schlosser für die Wartung von Windrädern umgeschult werden. Man darf Veränderung nicht als etwas Negatives sehen, sondern sich fragen, was sich daraus ergibt, und wie man diese Chance nutzen kann. Außerdem sollten wir froh sein, dass es gewisse Arbeiten in der Industrie nicht mehr gibt. Aber natürlich ist unser gesamtes Sys-tem auf Arbeit aufgebaut, und unser Sozialstaat finanziert sich über Arbeit.

Die Furche: Aber gibt es in einer hochtechnologisierten Welt überhaupt genug Arbeit für alle?

Hundstorfer: Davon bin ich überzeugt - wenn wir die Verteilung von Arbeit entsprechend voranbringen. Wenn wir die vorhandene Arbeitszeit anders verteilen, kann es sehr wohl genügend Möglichkeiten geben.

Die Furche: Das heißt: Arbeitszeitverkürzung?

Hundstorfer: Ja, das heißt es. Aber es geht nicht um die wöchentliche Arbeitszeit: Es gibt zum Beispiel Modelle mit Lebensarbeitszeit, die in der Praxis schwer umsetzbar, aber interessant sind. In manchen Branchen, etwa der Baubranche, wird schon mit Jahresarbeitszeit-Modellen gearbeitet. Es gibt verschiedene Wege und Formen, wie man das Ziel erreichen kann.

Die Furche: Eine sechste Urlaubswoche ist ein Thema.

Hundstorfer: Auch das ist eine Form von Arbeitszeitverkürzung. Aber warum ist diese Debatte jetzt hochgegangen? Wir haben längst eine sechste Urlaubswoche, für alle, die langfristig bei einer Firma beschäftigt sind. Aber diese Zahl wird immer weniger. Und so gibt es jetzt zwischen 1 und 1,2 Millionen Österreicher, die auch schon lange im Erwerbsleben sind, aber aufgrund diverser Fluktuationen nie die sechste Urlaubswoche erreichen. Um diese Ungleichheit geht es bei der Debatte.

Die Furche: Wie passt das politische Ziel, Arbeit anders zu verteilen, zusammen mit einer angestrebten Reduktion von Teilzeitkräften?

Hundstorfer: Arbeit anders verteilen, bedeutet nicht automatisch weniger Arbeitskräfte zu brauchen, sondern im Gegenteil, es soll mehr Menschen den Zugang zur Arbeit ermöglichen. Teilzeit hat Vor- und Nachteile. Viele machen es freiwillig, andere nicht. Ein gravierender Nachteil betrifft die Altersvorsorge. Sie ist aufgebaut auf dem, was man im aktiven Leben verdient hat. Wer über lange Strecken Teilzeit arbeitet, bekommt deutlich weniger Pension. Hier muss vor allem bei den Jungen ein Umdenken stattfinden. Denn die Pensionsreform von 2003 wird ab nächstem Jahr wirksam. Für alle, die nach 1990 geboren sind, gilt eine lebenslange Durchrechnung. Für Ältere gibt es eine Übergangslösung. Aber vor allem für die Jungen heißt das: Jedes Monat zählt.

Die Furche: Gerade für die Generation, die sich lange in Praktikumsverträgen befindet, wird’s schwer.

Hundstorfer: Für alle, die am Anfang wenig verdienen. Das Wichtigste ist: Es muss allen klar sein, dass es sich auswirkt, wenn man zehn Jahre lang Teilzeit arbeitet.

Die Furche: Das durchschnittliche Einkommen von 20- bis 29-Jährigen beträgt 1140 Euro netto, 12 Mal im Jahr. Und während ein 30-Jähriger vor 40 Jahren in Schnitt um 15 Prozent weniger verdient hat, als ein 50-Jähriger, sind es heute 40 Prozent. Kann man das aufholen und am Ende ein Lebenszeiteinkommen erreichen, das sich von früheren Generationen nicht unterscheidet?

Hundstorfer: Ein paar große Kollektivverträge wurden schon dahingehend reformiert, dass man die Lebensverdienstkurve anders gestaltet. Aber das ist ein Projekt auf dreißig Jahre, da wird noch einiges kommen. Wenn Sie sich die Lage 2030 anschauen, wird der Abstand wieder ein geringerer sein.

Die Furche: Eine Umverteilung zu Gunsten der älteren Generation ist ja unproblematisch, so lange wir davon ausgehen können, dass jeder die verschiedenen Lebensabschnitte durchlaufen wird, und alle davon profitieren. Kann die junge Generation das?

Hundstorfer: Ja. Es wird zwar eine andere Verteilung des Lebenseinkommens geben, die Entwicklung wird vielleicht zähflüssiger, aber unterm Strich wird es nicht weniger.

Die Furche: Ein alternatives Konzept, um den Sozialstaat und das Erwerbsleben zu reformieren, ist das bedingunslose Grundeinkommen. Können Sie dieser Idee etwas abgewinnen?

Hundstorfer: Nein, gar nicht.

Die Furche: Ein sehr vehementes Nein …

Hundstorfer: Die Befürworter der Idee meinen, als Lebensbasis muss man ein Grundeinkommen einführen und dann schauen, wie’s weitergeht. Welche Sozialleis-tungen will man denn dadurch ersetzen? Eine Krankenversicherung werde ich ja weiterhin brauchen und finanzieren müssen. Wir sind gut beraten, wenn wir bei unserem Versicherungsprinzip bleiben. Und das heißt: Beschäftigung, aus der sich die Leistungen des Sozialstaat ableiten. Abgesehen davon, dass ein Grundeinkommen in Österreich nicht mehrheitsfähig ist, bin ich selbst auch kein Freund davon.