Die ganz normale Vielfalt

Österreich diskutiert über die Abschaffung der Sonderschule. Italien hat das schon hinter sich. Was können wir davon lernen? Ein Besuch.

Erschienen in Die Furche, 18/4/2013


Es riecht nach spröden Gummimatten, gedribbelte Bälle beschallen den Raum, und das grelle Licht zeichnet lange Schatten - zumindest das Turnsaal-Ambiente ist vertraut. Abgesehen davon ist in der Turnstunde am Meraner Gymnasium aber vieles anders. Mädchen und Burschen sporteln hier bis zur Matura gemeinsam. Und mitten unter ihnen ist Thomas. Er ist 15, wie die anderen, aber nicht so weit wie sie. Seine verwaschene Sprache ist für ungeübte Ohren schwer verständlich. Während die anderen in Teams durch den Saal sprinten, hüpft er an der Seitenlinie auf und ab und klatscht. Manchmal galoppiert er quer durch den Raum. Thomas lacht viel und wirft gerne Bälle. Das weiß die ganze Klasse. Deshalb passen seine Mitschüler oft zu ihm. Obwohl es mit dem Fangen nicht immer klappt.

Seit 35 Jahren hat Italien ein inklusives Schulsystem. Sonderschulen gibt es keine. Jede Schule, auch ein Gymnasium, muss jedes Kind aufnehmen - egal, wie beeinträchtigt es ist. In den 1970er Jahren stieß das in Südtirol auf wenig Begeisterung. Wie soll das funktionieren, fragte man sich, dass Hochbegabte und geistig Behinderte in der selben Klasse unterrichtet werden? Bleibt dabei nicht zumindest eine Gruppe auf der Strecke? Heute stellt niemand mehr diese Fragen. Inklusion gehört hier längst zum Alltag.

"Wie soll das gehen, fragte man sich in den 70er Jahren, dass Hochbegabte und geistig Behinderte die selbe Klasse besuchen"

"Die Schüler sind es von der ersten Klasse an gewohnt, dass auch Kinder mit Funktionsdiagnose in der Klasse sitzen“, erklärt Josef Hirmer, der stellvertretende Direktor des Meraner Gymnasiums, bei einer Bildungsreise der Grünen Behindertensprecherin Helene Jarmer, auf der die FURCHE sie begleitete. Doch der Weg zu dieser Selbstverständlichkeit war steinig, erinnert sich Hirmer: "Es muss ein Verständnis entwickelt werden, dass wir alle anders sind. Und jeder seinen Platz hat.“ Von den gut 1000 Schülern in seiner Schule haben 45 eine Diagnose. Bei manchen ist das eine einfache Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Ein Mädchen sitzt im Rollstuhl und kann nur die Arme bewegen. Bei anderen - wie Thomas - lautet die Diagnose: "schwere Intelligenzminderung.“

Ein Recht auf langsames Lernen

Lesen oder Schreiben wird er nie lernen. Dass er trotzdem ins Gymnasium gehen kann, liegt auch an Manuel. Der 33-Jährige ist "Mitarbeiter für Integration“ und jede Woche 22 Stunden für Thomas da. Er zählt Holzkugeln mit ihm, während die Klasse am Pascalschen Dreieck kiefelt. Er geht mit ihm aus der Klasse, wenn Thomas unruhig wird. Und er hält seine Hand, wenn Thomas über den Hindernisparcour im Turnsaal klettert. Allen Schülern, bei denen der Schulpsychologe Bedarf sieht, wird ein Manuel zur Seite gestellt. Manche sind nur wenige Stunden dabei, andere die ganze Schulwoche.

Schüler wie Thomas werden "zieldifferent“ unterrichtet. Zu Jahresbeginn erarbeiten Lehrer und Eltern gemeinsam einen Erziehungsplan. Was soll in diesem Jahr erreicht werden? In welchem Fach sollen welche Fortschritte bemerkbar sein? Zum Schulschluss bekommen sie kein Zeugnis, sondern eine Kompetenzbeschreibung

Schüler mit schwächeren Diagnosen schließen die Klasse regulär ab und müssen dafür die Leistung erbringen, die der Lehrplan vorschreibt. Um das zu erreichen, bekommen sie aber rechtlich dokumentierte Erleichterungen: Mehr Zeit bei der Schularbeit, die Erlaubnis, ein Wörterbuch zu benutzen oder Visualisierungshilfen. Sie haben ein Recht auf langsames Lernen.

Inklusion heißt, dass alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Auch Österreich hat sich dazu verpflichtet, genau das im Bildungssystem zu gewähren: Vor fünf Jahren wurde feierlich die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterschrieben. Sehr viel mehr ist seither aber nicht geschehen. 20 Jahre ist es her, dass Eltern entscheiden können, ob ihr behindertes Kind in der Volksschule in einer Sonderschule oder einer Integrationsklasse unterrichtet wird. Später wurde die Wahlmöglichkeit auf die Hauptschule und die AHS-Unterstufe ausgeweitet. Nach der Pflichtschule ist die Schulzeit für behinderte Kinder aber vorbei. Thomas dürfte, würde er in Österreich leben, jetzt nicht mehr in die Schule gehen.

50.000 Euro für Schulumbau

Im Vorzeige-Land Italien wird für das selbstverständliche Inklusions-Ziel auch ziemlich viel Geld in die Hand genommen. Das beweist die Schule in Deutschnofen, die auch zeigt, dass Inklusion nicht nur in großen Städten wie Meran zum Alltag gehört. Viele Serpentinen kämpfen sich in das Bergdorf, in dem nicht einmal 4000 Menschen leben. 145 Kinder besuchen die gemeinsame Mittelschule. Als vor zwei Jahren gleich zwei geistig schwer behinderte Burschen angemeldet wurden, nahm das ganze Schulteam die Herausforderung an. Und die Gemeinde: 50.000 Euro investierte sie, damit das Gebäude über den Sommer nach den Bedürfnissen der beiden Buben umgebaut wurde.

Davon profitiert der 15-Jährige Samuel. Dem Unterricht wird er nie folgen können, doch das ist nicht das Ziel. "Es geht darum, Gleichaltrige zu erleben und im Dorf integriert zu sein“, erklärt die Schulleiterin Maria Tiefenbacher. Natürlich ist er auch in der Mathematikstunde dabei. Die anderen üben Prozentrechnungen, Samuel spaziert durch die Sitzreihen. Wenn er den roten Plastik-ring, mit dem er spielt, fallen lässt, hebt ihn ein Mitschüler auf. Und versinkt gleich wieder in seinen Mathematikbeispielen. Ablenken lässt sich die Klasse nicht von Samuel. Hier stört er niemanden. "Das spürt er selbst auch“, weiß Carolin, seine Integrations-Mitarbeiterin, "wenn er in der Klasse ist, blüht er richtig auf.“ Die Entwicklung geht langsam, aber sie lässt sich klar festmachen: "Er kann seine Gefühle besser zum Ausdruck bringen als vor einem Jahr und geht viel offener auf andere Menschen zu.“

Auch die anderen Schüler profitieren, wenn ein Integrationsschüler in der Klasse ist, meint die Direktorin: "Sie erleben Behinderung als etwas Selbstverständliches, lernen damit umzugehen und entwickeln hohe soziale Kompetenz“, meint die Direktorin.

Selbstverständlich ist der Umgang mit behinderten Schülern auch für die Lehrer. Obwohl er nicht immer einfach ist. Ein Integrationspädagoge, ist nur ein paar Stunden in der Klasse und hilft bei der Abstimmung des Lehrplans. Aber Inklusion zu leben ist die Aufgabe von allen Lehrern. Dabei ist das sonderpädagogische Spezialwissen der Lehrer in Italien nicht besonders tief: In der Ausbildung absolvieren Lehrer nur ein kurzes Aufbaustudium für sämtliche Behinderungen.

Das Reform der Lehrerausbildung sieht ein ähnliches Modell auch in Österreich vor. Kritiker befürchten, dass behinderte Schüler dadurch vernachlässigt werden könnten. Tatsächlich werden Samuel und Thomas in ihren Schulen wahrscheinlich nicht optimal gefördert. Logopäden, Bewegungstherapeuten oder gar ein Schwimmbad, wie es manche Sonderschulen haben, gibt es hier nicht. Dafür lernt Samuel mit seinen Nachbarskindern und Thomas sportelt im gro-ßen Turnsaal. Mit Gleichaltrigen, und ganz selbstverständlich.


Der Grenzensprenger

Die Ärzte glaubten nicht, dass Nils Jent je ein normales Leben führen kann. Heute ist er Uni-Professor.

An einen Tag an der Uni erinnert sich Nils Jent besonders gut. "Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind? Sie sind hier an der Universität“, erklärte ihm ein Student irritiert, als er den Mann im Rollstuhl vor dem Vorlesungsraum traf. "Na klar“, antwortete Nils Jent, "ich bin Ihr Dozent.“

Dass Nils Jent, blind, weitestgehend gelähmt und schwer sprechbehindert, unterrichtet, Doktor, sogar Professor ist, irritiert viele. Denn die Geschichte des Schweizer Ökonomen zwingt dazu, eigene Vorurteile zu überdenken.

Im Frühling 1980 macht ein Motorradunfall den damals 18-Jährigen zu einem Schwerstbehinderten. Drei Stunden lang versuchen die Chirurgen ihn wieder zusammenzuflicken. Der Eingriff ist aufwändig, aber scheint erfolgreich. Bis sein Herz zu schlagen aufhört. Acht Minuten steht es still. Warum es dann doch wieder pocht, verstehen selbst die Ärzte nicht. "Für mich ist offensichtlich, dass es Kräfte geben muss, die wir kleinen Menschen nicht verstehen“, sagt Jent heute.

Mit den Augen buchstabieren

Nach vier Wochen im Koma wacht er auf: Er kann nichts sehen, sich nicht bewegen, nicht mehr sprechen. Nur sein Gehör funktioniert. Und sein Gehirn. Locked-in-Syndrom. Nach dem "Warum“ hört er bald auf zu fragen. Er weiß, dass er keine Antwort finden wird. Und, dass er für eine sinnlose Suche danach keine Kraft verschwenden will. "Wenn ich leben will, muss ich auf meine Energie achten“, sagt er sich. Als "Leistung“ will er diesen Umgang mit dem Schicksal nicht bezeichnen: "Mir wurde die Gnade geschenkt, zu erkennen.“ Und die Erkenntnis führte ihn weiter. Deshalb konzentriert er sich fortan strikt auf das, was er tun konnte.

Zuerst ist das nur blinzeln. Mit seiner Mutter entwickelt er ein System, sich der Außenwelt mitzuteilen. Sie spricht ihm das Alphabet vor, er zwinkert beim richtigen Buchstaben. So buchstabiert er Wörter, ganze Sätze. Später lernt er durch einen Kassettenkurs die Schach-Regeln. Er beginnt im Kopf zu spielen: Zuerst gegen andere Patienten, dann gegen seinen Vater, schließlich gegen den Chefarzt. Als er auch diesen schachmatt setzt, begegnet ihm das Klinikpersonal erstmals auf Augenhöhe.

Sechs Jahre dauert es, bis er einfachste Dinge wie essen oder sprechen neu gelernt hat. Doch dass er ein normales Leben führen kann, trauen ihm Ärzte und Pfleger nicht zu. Nur seine Eltern glauben fest an die Fähigkeiten ihres Sohnes. Sie kämpfen dafür, dass er die Matura nachholen kann. Den gesamten Schulstoff spricht Jents Mutter ihm dafür auf Kassetten. Er hört sich jede Kassette genau dreimal an. Dann will der Schulstoff beherrscht und langzeitig gespeichert sein. Mit 27 Jahren besteht er die Matura. Als Klassenbester.

Auf die Stärken konzentrieren

"Die größte Heraus-forderung ist es oft, die Reaktion der anderen wegstecken zu können."

Danach beginnt er ein Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen. Im Jahr 2002, 22 Jahre nach seinem Unfall, macht er den Doktor. Seit vergangenem Jahr ist er Professor. Heute, mit 51, leitet er zusammen mit Regula Dietsche das Diversity Center am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen und ist Direktor für angewandte Behindertenforschung.

Möglich ist das durch die bemerkenswerte Arbeitspartnerschaft mit Regula Dietsche. Seit zwei Jahren bilden die Psychologin und der Ökonom ein erfolgreiches Team. Die beiden Diversity-Forscher leben in ihrem Arbeitsalltag ihr Forschungsfeld in Perfektion: Beide übernehmen jeweils die Bereiche, in denen sie stark sind. Dietsche geht in die Weite, kann neuen Input schnell verarbeiten, neue Aspekte einbeziehen. Jent hingegen geht in die Tiefe, kann seine Langsamkeit positiv nutzen, stundenlang an der inhaltlichen Logik oder einzelnen Sätzen feilen. "Natürlich übersteigert unsere Zusammenarbeit eine normale Teamkonzeption“, erklärt Dietsche, "deshalb wechseln wir auch bewusst intensive und weniger intensive Phasen ab. Das ist für uns beide eine Herausforderung.“

Die größte Herausforderung ist aber oft die Außenwahrnehmung, die Reaktionen der anderen, wegstecken zu können. Wenn Regula, die Wissenschafterin, nur als Nils’ Behindertenassistentin wahrgenommen wird. Und Nils, der Ökonom, nur als Behinderter. "Trotzdem lohnt sich dieser Weg“, sagt Dietsche, "weil wir immer wieder einen kleinen Teil zur Dekonstruktion von Stereotypen beitragen können.“

Diversity als Lebensthema

Das war auch Nils Jents Motivation, sich von allen Forschungsfeldern, die ihm offen standen, just auf Diversity Management zu spezialisieren. "Durch meinen Unfall bin ich innerhalb von Sekunden zum gesellschaftlichen Fußabstreifer abgerutscht“, sagt er, "ich wollte diesen Unterschied in der Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung verstehen.“


Dass die Ärzte ihm kein eigenständiges Leben zutrauten, die Lehrer nicht an seinen Schulerfolg glaubten, und selbst ein Student ihn aus der Uni wegschicken wollte, sind Zeugnisse der verkürzten Wahrnehmung, mit der Nils seit 33 Jahren zu kämpfen hat. "Auch Behinderte sind Menschen, die etwas leisten können“, ist die Botschaft, die er verbreiten will. Deshalb hat er seine Geschichte auch in der Biographie ("Dr. Nils Jent - Ein Leben am Limit“) und im Dokumentarfilm ("Unter Wasser atmen - das zweite Leben des Dr. Nils Jent“) erzählt.

Tatsächlich hat Nils’ Geschichte eine Prise Hollywood. Ein Schicksalsschlag, der einen zwingt, alles neu zu ordnen. Ein Held, der sich der Aufgabe stellt. Und am Ende als Sieger hervorgeht. Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind. "Was mich aber am meisten beeindruckt“, sagt Regula Dietsche, "ist die Tatsache, dass Nils bei all den Situationen nie wusste, ob der nächste Schritt tatsächlich gelingt. Es mussten immer wieder Grenzen verschoben werden.“ Und was Grenzen betrifft, ist Nils Jent nicht nur Professor, sondern Sprengmeister.