Die Härte der Goldwolle

Die Mongolei liegt im Kaschmir-Fieber: Warum Nomaden vom großen Reichtum träumen, Ziegen zum Politikum werden - und wie die Wüste den Nomaden unaufhaltsam die Lebensgrundlage raubt.

Erschienen in Die Furche, 16/2/2014

Wo der Luxus beginnt, gibt es kein Fließwasser. In den kalten Nächten wird hier mit Kuhdung geheizt, der kleine Ofen dient auch als Herd. Zwei Betten, ein Tisch, bunte Teppiche an der Wand - in Doldahans Jurte in der Westmongolei, 2000 Kilometer von der Hauptstadt Ulaanbaatar entfernt, gibt es gerade das Nötigste. Trotzdem wird hier eines der wertvollsten Produkte der Welt hergestellt. Doldohan ist Kaschmir-Hirte.

Zweihundert Tiere zählt seine Herde, 60 Prozent davon sind Kaschmir-Ziegen. Das macht den 41-jährigen Familienvater zu einem Mittelstands-Hirten. "Ich bin sehr zufrieden, kann gut für meine Familie sorgen“, erzählt er bei einer Tasse gesalzenen Milchtee. Vor fünf Jahren hatte er nur halb so viele Ziegen. Doch das Geschäft läuft gut, jedes Jahr verdient er mehr. "Die Kaschmir-Ziege ist das richtige Tier, um reich zu werden“, meint er.

Daran glaubt er nicht alleine: Der Viehbestand in der Mongolei wächst kontinuierlich, genau wie der Anteil an Kaschmir-Ziegen. Beinahe jedes zweite Herdentier in der Mongolei ist eine Ziege. Das rauhe Klima des Steppenstaates ist ideal für die Produktion der Luxusfaser. Im warmen Sommer können sich die Ziegen dick fressen. Im langen, unwirtlich kalten Wintern wächst ihnen ein dichtes Unterfell. Das wird im Frühling ausgekämmt, gereinigt, und verkauft. Je härter die Umstände, desto dichter, länger und damit wertvoller wird die Faser. Rund 27 Euro hat Doldohan am Wollmarkt in der nächstgelegenen Stadt Ölgiy heuer pro Kilo Kaschmir bekommen. Nächstes Jahr, hofft er, wird es mehr sein.

Der Bankomat der Nomaden

Wenn es nach ihm geht, soll "mongolischer Kaschmir“ bald ein ebenso anerkanntes Qualitätsattribut sein wie französischer Wein oder deutsche Autos

Rund 7000 Tonnen Kaschmir werden in der Mongolei jedes Jahr erkämmt, ein Fünftel der weltweiten Gesamtproduktion. Vor 20 Jahren waren es lediglich 1500 Tonnen. Nicht nur das Klima begünstigt die Produktion sondern auch die Kultur. In dem Land, das so groß ist wie Westeuropa, leben nicht einmal drei Millionen Menschen. Nach dem Kollaps des sozialistischen Systems im Jahr 1991 wurden zwar die Tiere privatisiert, das Land aber nicht. Deshalb pflegen rund 40 Prozent der Mongolen als Nomaden einen Lebensstil, der sich nicht sehr von dem ihrer Vorfahren vor 3000 Jahren unterscheidet. Sie wohnen, wie Doldahans Familie, in Jurten, die sich innerhalb von einem Tag abbauen und mit Kamelen abtransportieren lassen. Sie leben von ihren Herden, mit denen sie weiterziehen, wenn das Land abgegrast ist. Das harte Leben stört sie nicht: "Es ist schön, dass wir so viel Zeit mit der Familie verbringen“, meint Doldahans zwölfjährige Tochter Dildagul. Einzig das Motorrad vor der Jurte verrät, dass wir im 21. Jahrhundert sind. Der Hirte leistet es sich, um die Kinder in die Schule zu bringen. Und, um die Ziegenherde schneller zu bewegen. "Mein Großvater war Hirte, mein Vater war Hirte und auch mein Sohn wird Hirte werden“, sagt Doldahan stolz.

Daran soll auch das Rekord-Wirtschaftswachstum der letzten Jahre von bis zu 17 Prozent nichts ändern. Das ist ganz im Sinne der aktuellen Regierung unter Premierminister Norowyn Altanchujag, die sich sorgt, zu lange nur auf den Bergbau als einzigen Wirtschaftsmotor gesetzt zu haben (siehe unten). Seit dem Sommer vergibt sie großzügige Darlehen an Kaschmir-Hirten und Textilfabriken. 33 Millionen Euro sollen 30.000 neue Jobs schaffen und dafür sorgen, dass noch mehr Kaschmir produziert und vor allem: im Land verarbeitet wird. Denn bisher wird der Großteil der mongolischen Feinfaser in Rohform exportiert, zwei Drittel allein nach China. Dort wird sie gesponnen, gewoben und nach Europa oder in die USA verkauft, wo sie zu teuren Schals, Pullovern oder Mänteln verarbeitet wird. Das bringt dem Land zwar 91 Millionen Dollar an Devisen, aber treibt es auch in die Abhängigkeit von ausländischen Händlern. Als chinesische Kaufleute den Rohstoffpreis vor fünf Jahren dramatisch drückten, waren die Hirten ihnen hilflos ausgeliefert.

Die Verwüstung der Landschaft

"Viele Familien mussten Pferde oder Yaks verkaufen und hohe Kredite aufnehmen, um über den Winter zu kommen“, erzählt Doldahan, dessen Herde damals um die Hälfte kleiner war als heute. Doch die Nachfrage nach der Luxusfaser stieg ab 2009 wieder, und so hält sich der Preis seit zwei Jahren auf einem konstant hohen Niveau.

"Wenn das Gras gefressen ist, ziehen wir eben weiter. So haben wir es immer getan."

Damit das so bleibt, hat die Regierung eigens einen britischen Experten engagiert, der mongolischen Kaschmir zu einem weltweit anerkannten Image verhelfen soll. Jeremy Hildreth entwarf schon für Orte wie Lapland oder Osttimor eine "corporate identity“ und arbeitet nun mit einem achtköpfigen Team in Ulaanbaator daran, die Edelfaser noch aufzuwerten. Wenn es nach ihm geht, soll "mongolischer Kaschmir“ bald ein ebenso anerkanntes Qualitätsattribut sein wie französischer Wein oder deutsche Autos. Ein Kalligraph entwarf dafür ein Logo in antiker mongolischer Schrift, das künftig mongolische Kaschmirprodukte zieren soll.

Die Auswirkungen, die der Kaschmirboom in der Mongolei bringt, zeigen sich allerdings nicht nur in edlen Etiketten und Motorrädern vor den Jurten. Auch das Land verändert sich. Die Zahl der Ziegen hat sich zwischen 1990 und 2010 vervierfacht und wird im jüngsten UN-Human-Development-Report auf 20 Millionen geschätzt. Ziegen grasen gierig, und reißen das Gras - anders als Schafe oder Yaks - mitsamt der Wurzel aus. Es kann daher nicht schnell nachwachsen, die natürliche Erosion, die der starke Wind verursacht, wird beschleunigt. Nach und nach wird so die Steppe zerstört.

Ein Forscherteam der Oregon State University hat die landschaftliche Veränderung in der Mongolei mittels Satelliten beobachtet und im September im Fachmagazin "Global Change Biology“ veröffentlicht. Ihr erschreckendes Ergebnis: Bereits 12 Prozent der Biomasse in der Mongolei sind verschwunden. Die Wüste Gobi, lassen Satellitenbilder erkennen, wächst von Süden her. Das gefährdet langfristig nicht nur die Kaschmir-Produktion, sondern das gesamte Ökosystem. "Das ist ein ernsthaftes Problem“, sagt Thomas Hilker, Studienautor und Professor für Forstwirtschaft, "Es gibt ein riesiges Gebiet, in dem der Boden zerstört wird und die Ernährung der lokalen Bevölkerung immer schwieriger wird.“

Doldahan kann diese Sorge nicht nachvollziehen. "Ich sehe kein Problem“, meint er. Und wenn die Ziegen das ganze Gras gefressen haben? "Dann ziehen wir weiter wie wir es immer getan haben. Wir sind schließlich Nomaden.“