Traumziel Europa

Hunderttausende Afrikaner versuchen jedes Jahr, Europa zu erreichen. Die meisten scheitern noch vor dem Mittelmeer. Eine Reise zum Startpunkt von Europas Flüchtlingstragödie.

Erschienen in News 01/08/2015


Die Matratze ist durchgelegen und dreckig. Für Youssuf ist sie trotzdem Luxus. Seit fünf Jahren ist es die erste Matratze, auf der er sich ausrasten darf. Sie liegt auf dem Fliesenboden in einem einfachen Haus im Süden von Bamako, der Hauptstadt von Mali. Das Haus gehört "Aracem", einer Selbsthilfeorganisation von gestrandeten Migranten. Es ist ein Refugium auf Zeit und ein Treffpunkt der Gescheiterten.

Elf Männer finden diese Woche hier Unterschlupf. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, doch ihr Ziel ist das gleiche: Sie alle träumen von einer Zukunft in Europa. Da ist Toni, der Kameruner, der es bis nach Europa geschafft hat, aber aus Belgien abgeschoben wurde. Adeyem aus Nigeria, der die Sahara-Durchquerung noch vor sich hat. Und Youssuf aus Guinea-Bissau, der schon zweimal an Europas Grenzen gescheitert ist.

Bamako gilt in der gesamten Sahelzone als Symbol für Wohlstand und Optimismus. Hunderttausende Menschen aus allen Ländern Westafrikas kommen jedes Jahr auf ihrem Weg nach Norden durch die staubige Stadt. Hier tauschen sie Informationen über Routen und Risiken aus, organisieren die nächste Etappe bis zur Wüste. Allzu oft bleiben sie in Bamako hängen.

Youssuf ist 35 Jahre alt und einer von ihnen. Als einer von 60 Hoffnungsreisenden stieg er vor fünf Jahren, an einem Mittwoch im März, in seiner Heimat in Guinea-Bissau in den Bus Richtung Europa. Seine Eltern begleiteten ihn zum Busbahnhof, sie gaben ihm ein Brathuhn mit: "Sie waren so stolz auf mich", sagt er. Es sollte das letzte Mal sein, dass er sie sah.

Prolog zu den Tragödien von Calais, Cantania oder Traiskirchen

In Bamako, 4.500 Kilometer von Österreich, wird der Prolog zu jenen Tragödien geschrieben, die sich in Calais, Catania oder Traiskirchen abspielen. Mehr als 100.000 Menschen haben seit Jahresbeginn das Mittelmeer nach Europa überquert. Mindestens noch einmal so viele, schätzt man, kommen gar nicht so weit. Sie verhaken sich im Transit, arbeiten sklavenähnlich, um die nächste Reiseetappe finanzieren zu können, oder kommen in der Wüste um.
 

"Wer es bis zum Mittelmeer schafft, hat immerhin schon die Sahara überlebt"

Auch Youssuf sah auf seinem Weg durch die Sahara Menschen sterben: "Keiner von uns weiß, ob er diese Reise überlebt. Aber wir müssen es probieren." Von Algerien schlug er sich nach Marokko durch, bis er schließlich vor Ceuta stand, der spanischen Stadt auf afrikanischem Boden: "Ich konnte Europa von dort sehen." Er blieb mehrere Monate, versuchte wiederholt, den Hightech-Zaun, der Europa von Afrika trennt, zu überwinden. Jedes Mal scheiterte er: "Nach einem Jahr wusste ich, dass ich es woanders probieren muss."

Fast 340.000 Menschen suchten heuer bereits in Europa um Asyl an. Sie kommen aus Kriegsgebieten wie Syrien oder Afghanistan, aber auch aus Konfliktländern in Afrika, in denen islamistische Rebellen, putschende Militärs und korrupte Regierungen den Menschen die Zukunft rauben.

"Wer mit eigenen Augen gesehen hat, wie die Menschen in manchen Teilen des Landes leben, wird sie nicht mehr von oben herab als 'Wirtschaftsflüchtling' abkanzeln", sagt Verteidigungsminister Gerald Klug am Mittwoch beim Besuch in Mali, seinem ersten Besuch überhaupt in Afrika.

Acht österreichische Soldaten sind hier derzeit stationiert, insgesamt sollen es 20 werden. Sie sind Teil einer europäischen Trainingsmission: 3.000 malische Soldaten werden ausgebildet, um künftig selbst imstande zu sein, die Rebellen und Islamisten im Norden des Landes zu bekämpfen.

Für Klug sind die 700.000 Euro, die Österreichs Mali-Einsatz im Jahr kostet, daher trotz Spardrucks beim Bundesheer eine gute Investition: "Kriege, Konflikte und instabile Staaten in Afrika wirken sich auf unsere Sicherheit in Europa aus."

Das militärische Engagement ist nur ein Teil von einem Fächer an Maßnahmen, die die Entwicklung Malis fördern sollen: Ein EU-Straßenbauprojekt im Umfang von 200 Millionen Euro soll 6.000 Arbeitsplätze schaffen.

Die EU gibt bis 2019 insgesamt 28 Milliarden Euro für Entwicklungsprojekte in Afrika aus. "Die Jugend in Afrika hat Ideen und Visionen. Aber es gibt kaum Möglichkeiten, sie umzusetzen", sagt Pierre-Yosse im Aracem-Haus: "Niemand würde gehen, wenn wir hier eine Zukunft sähen. Um das zu ändern, brauchen wir Sicherheit und Stabilität.

"Wenn du Europa durch die falsche Tür betrittst, ist es grausam"

Pierre-Yosse ist 36, hat studiert und arbeitet im Betreuungsteam von Aracem. Es ist noch nicht lange her, dass er selbst von einem Leben im Norden träumte: "Jeder von uns hat gedacht, dass ausgerechnet er es schaffen könnte", sagt er, "das ist wahnsinnig. Aber man braucht diesen Wahn, um zu überleben." Mehr als 1.800 Menschen sind seit Jahresbeginn beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ertrunken. Diese Zahl kennen auch die Gestrandeten in Bamako. Von ihrem Plan lassen sie sich dadurch nicht abbringen: "Wer es bis zum Mittelmeer schafft, hat immerhin schon die Sahara überlebt", sagt Youssuf aus Guinea-Bissau.

Nach seinem Misserfolg in Marokko hatte er sich mit Gelegenheitsjobs bis nach Libyen durchgeschlagen. Er schlief in Wäldern, auf der Straße, unter notdürftigen Verschlägen. Irgendwann hatte er 1.000 Euro beisammen, genug für eine Überfahrt nach Italien. Er wollte nach Deutschland, ein Land, das er nur aus dem Fernsehen kennt: "Das ist ein friedliches Land, die Leute haben gute Häuser und sind zufrieden." Der Traum von einem ruhigen Leben brachte ihn durch hunderte Nächte, die er auf der nackten Erde schlief. Vor einem Jahr saß er endlich im Boot nach Italien. Ankommen sollte er nie.

Im Aracem-Haus teilt sich Youssuf jetzt ein Zimmer mit einem, der an dem Traum kratzt: Toni, 46, stammt aus Kamerun und kann sich auf Deutsch vorstellen. Er schaffte es nach Europa, vier Jahre lang vagabundierte er durch Deutschland und Frankreich. Fünf Jahre lebte er ohne Papiere in Belgien: "Es ist furchtbar, ein Illegaler zu sein", sagt er. Als die Polizei ihn schließlich fand, verbrachte er zwei Monate in Antwerpen in Schubhaft, bevor er nach Kamerun abgeschoben wurde: "Wenn du Europa durch die falsche Tür betrittst, ist es grausam."

So richtig überzeugt das die anderen im Aracem-Haus nicht. Es gibt immer den einen, der es doch geschafft hat. Youssufs Freund etwa, auf dessen Handynummer schon lange niemand mehr antwortet: "Er lebt in Spanien, hat Arbeit und ein gutes Leben", ist Youssuf überzeugt. Auch Adeyem, 30, aus Nigeria will sich von seinem Traum von Europa nicht verabschieden: "Hier fühle ich mich tot. In Afrika kann ich niemals glücklich werden."

"Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr tief geschlafen"

Das Geld, mit dem er Nigeria vor einem Jahr verließ, reichte gerade einmal für die Fahrt nach Bamako: "Ich dachte mir, ich finde schon einen Weg. Aber es gibt keine Arbeit, deshalb kann ich kein Geld für die Weiterfahrt verdienen."

Der Glaube daran, selbst zu den wenigen Glücklichen zu zählen, ist es, der die Menschen wegzieht - und sie daran hindert, zurückzukehren. "Man kann nicht nach Hause zurückkommen, ohne etwas mitzubringen. Du brauchst zumindest genug Geld, um dir eine Lebensgrundlage zu schaffen", sagt Pierre-Yosse. Alle Aracem-Mitarbeiter sind selbst Migranten, alle kehren aus der gleichen Sorge nicht in ihre Heimat zurück: "In jedem Dorf gibt es einen, der in Europa lebt und manchmal Geld schickt. Wenn du mit leeren Händen zurückkommst, fragt dich deine Familie: 'Warum hat er es geschafft und du nicht?'"

"Dieser Zustand ist dein Leben"

Mit diesem Druck und einer unerschütterlichen Zuversicht zogen Pierre-Yosse und Toni, Adeyem und Youssuf vor Jahren los und verzweifeln an der Realität, die sie als eigenes Scheitern empfinden. "Die Menschen, die bei uns ankommen, sind am Ende -körperlich, psychisch, gesundheitlich", sagt Patrice Boukar, der Leiter von Aracem. "Am Anfang glaubt jeder, es kommen ein paar harte Monate auf einen zu, aber man hält das aus. Dann werden die Monate zu einem Jahr, es werden zwei Jahre, drei Jahre, vier Jahre, und du kämpfst dich immer noch ab. Irgendwann musst du einsehen, dass dieser Zustand dein Leben ist."

An einer Tafel an der Wand ist sauber dokumentiert, wie viele Migranten sich bisher bei Aracem in Bamako ausrasteten: Im Juni waren es 41 Männer und 14 Frauen, im Mai 34 Männer, zehn Frauen und zwei Kinder. Insgesamt haben mehr als 250 Menschen in diesem Jahr in dem Zentrum, das auch von der Caritas Tirol finanziert wird, Unterschlupf gefunden: "Für viele ist es das erste Mal seit Jahren, dass sie einen Moment zur Ruhe kommen", sagt Patrice.

"Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr tief geschlafen", sagt Youssuf. Die letzten Monate zehrten an ihm und warfen ihn weit zurück. An dem Abend, als sein Boot von Libyen Richtung Italien in See stechen sollte, patrouillierte die Küstenwache besonders dicht.

Der Schlepper blies die Überfahrt kurzfristig ab: "Er war plötzlich verschwunden -mit dem Geld, das ich und die anderen Passagiere ihm bezahlt haben." Kurz darauf fasste die Polizei Youssuf und brachte ihn gemeinsam mit anderen Migranten aus Schwarzafrika über die Grenze in den Niger: "Mitten in der Wüste ließen sie uns raus, sie nahmen uns alles ab, was wir bei uns hatten."

Vor fünf Jahren hat Youssuf seine Heimat Richtung Europa verlassen, doch nun sitzt er in Bamako. Hier will er zu Kräften kommen. Und es dann noch einmal versuchen. Bis die europäischen Maßnahmen greifen, die westafrikanischen Krisenstaaten stabilisiert sind und es Arbeit und Perspektive gibt, will er nicht warten. "Ich bin jetzt 35, ich habe nicht ewig Zeit. Mein Herz ist schon lange in Europa. Es fehlt nur noch mein Körper", sagt er. Zumindest ein paar Tage wird der sich auf der Matratze in Bamako ausrasten.


Ein Video zur Reportage aus Mali finden Sie hier.

Fotos: Ricardo Herrgott / NEWS