Mit Macheten zum Maya-Schatz

Im Dschungel von Mexiko gibt es sie auch 2014 noch, die weißen Flecken auf der Landkarte. Die Geschichte von verschollenen Forschern, einer verlassenen Stadt und dem Mann, der sie fand.

Erschienen in Die Furche, 2/10/2014


Das Steinauge starrt in den Dschungel. Seit Jahrzehnten hat das Monster keinen Menschen mehr gesehen, doch jetzt taucht ein Safarihut auf. Ivan Sprajc, der ihn trägt, starrt zurück. Auf das Steinmaul, das einst eine Eingangspforte war. Auf die dicken Hauer, die aus ihren Pfosten wachsen. Er senkt das GPS-Gerät, sein Herz schlägt höher. Er hat diese Fassade schon einmal gesehen. Auf Zeichnungen, die einen noch weiteren Weg zurückgelegt haben als er selbst. Sein Herz klopft schneller. Das ist sie, das muss sie sein! Lagunita, die Maya-Stadt, deren Existenz bis jetzt nur Mythos war.

Nach Wochen im mexikanischen Dschungel haben der slowenische Archäologe und sein Team die verschollene Stadt vergangenen April gefunden. Oder eigentlich: wiedergefunden. Denn 1977 oder 78, so genau weiß das keiner, wurde Lagunita das erste Mal entdeckt. Vom amerikanischen Archäologen Eric Von Euw, der damals für das Naturkundemuseum der Yale University forschte. Er brach zu einer Expedition in den Dschungel auf, und kam mit Erstaunlichem zurück: Zeichnungen von einer Fassade mit Monstergesicht. Von Stelen mit Inschriften. Von Altären mit Reliefen. Doch seinen Fund publizierte er nie.

Infiziert mit Abenteuerlust

Warum, bleibt bis heute ein Rätsel. "Er hätte genügend Material gehabt, um es zu veröffentlichen", meint Ivan Sprajc in seinem Dachbüro in der Akademie der Wissenschaften von Ljubljana. Hier, 10.000 Kilometer vom mexikanischen Dschungel entfernt, begann seine Suche nach Lagunita. Sprajc ist 59 Jahre alt, seit zwei Jahrzehnten führt der Archäologe Feldforschungen auf der Halbinsel Yucatan durch. Aber Lagunita ist auch für ihn etwas Besonderes.

Erfahren hat Sprajc von der verschollenen Dschungelstadt von einem Österreicher. Karl Herbert Mayer aus Graz, heute 70 Jahre alt. Offiziell ist er kein Archäologe, aber ihn einen Amateur zu nennen, wäre eine Beleidigung. "Karl Herbert ist einer der besten Maya-Experten der Welt", schwärmt Sprajc. 1980 traf Mayer in Mexiko Stadt auf Eric Von Euw. Der zeigte ihm seine Zeichnungen und berichtete, dass er den Fundort "Lagunita" nannte, weil er in der Nähe eines kleinen Sees lag. Ivan Sprajc war zu dieser Zeit Archäologie-Student in Ljubljana, das damals noch in Jugoslawien lag. Ein Austausch brachte ihn für ein Doktorat nach Mexiko, und er blieb dort. Während seine Heimat vom Krieg zerrissen und Slowenien ein eigenständiger Staat, wurde, arbeitete er am Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH) in Mexiko. Schon als Kind hatte Sprajc Geschichten über Entdecker und Welterkunder verschlungen, träumte von großen Abenteuern. 1996 wurde er zu seinem ersten Feldtrip nach Yucatan geschickt. "Danach war ich infiziert", erzählt Sprajc mit rauchiger Stimme und glänzenden Augen. Zwei Jahre später kehrte er zwar nach Slowenien zurück, begann an der Akademie der Wissenschaften zu arbeiten. Doch der Dschungel ließ ihn nicht mehr los.

"Joseph W. Ball wollte Eaton finden und engagierte sogar Detektive. Doch bis heute fehlt jede Spur von ihm. Karl Herbert Mayer wollte Eric Von Euw finden, doch auch der war abgetaucht. Und alle wollten Lagunita finden."

Auch Karl Herbert Mayer konnte es nicht lassen, wieder und wieder reiste er in die Region, die Skizzen von Eric Von Euw gingen ihm nicht aus dem Kopf. Doch der hatte die Maya-Forschung an den Nagel gehängt und war unauffindbar. Es gab Gerüchte, dass er in der Schweiz lebte, oder in Saudi Arabien. Erreichen konnte ihn aber niemand.

Karl Herbert Mayer gelang es immerhin, Kopien von den Zeichnungen aufzutreiben. Und eine neue Version der Entdeckungsgeschichte von Lagunita: Joseph W. Ball, ein Experte für Maya-Keramik, meinte sich zu erinnern, dass er 1970 mit Kollegen in einer Bar in der Stadt Merita saß, als einer von ihnen, Jack Eaton, von Ruinen im Dschungel erzählte, deren Beschreibung sich mit Von Euws Bildern deckte. Wenn das stimmt, wäre Eaton, ein junger amerikanischer Forscher, der Entdecker von Lagunita, sieben oder acht Jahre vor Von Euw. Am selben Abend aber, nachdem er vom vermeintlichen Sensationsfund erzählt hatte, geriet Jack Eaton in einen Streit mit seinem Chef - und verschwand mit all seinen Aufzeichnungen.

Eine Schatzkarte ohne Wegbeschreibung

Joseph W. Ball wollte Eaton finden und engagierte sogar Detektive. Doch bis heute fehlt jede Spur von ihm. Karl Herbert Mayer wollte Eric Von Euw finden, doch auch der war abgetaucht. Und alle wollten Lagunita finden.

Mayer zog weiter auf eigene Faust los, zeigte die Zeichnungen Jägern und Bauern aus der Region. Er engagierte Führer, ehemalige Gummizapfer, bemühte sich jene Männer aufzutreiben, die mit Eric Von Euw unterwegs gewesen waren. Auch andere Abenteurer, aus Deutschland oder den USA, machten sich auf, um die Stadt zu finden. Vergeblich. Lagunita blieb verschwunden.

Bis Ivan Sprajc ins Spiel kommt. Karl Herbert Mayer hatte ihm Von Euws Zeichnungen geschickt, eine Schatzkarte ohne Wegbeschreibung. Von Eric Von Euw wusste Mayer nur sehr vage, wo Lagunita liegen soll: "Er ritt von der Ausgrabungsstätte Chicaná acht Stunden nach Norden, bis er an eine Wasserstelle mit Brotnussbäumen kam. Von dort waren es noch einmal zwei bis drei Stunden." Fest stand, dass die verlassene Stadt innerhalb der rund 3000 Quadratkilometer Dschungel liegt, die sich - weitgehend unerforscht - zwischen den gründlicher untersuchten Regionen Rio Bec und Chenes ausbreitet. Ein Gebiet, doppelt so groß wie der Nationalpark Hohe Tauern, und ebenso unwegsam. Ivan Sprajc hat sich in den letzten Jahren darauf spezialisiert, Konkurrenz hat er kaum: "Weil es so hart ist. Und niemand so verrückt, wie wir", grinst er.

Als Von Euw in den 70ern Lagunita fand, stand das Gebiet noch nicht unter Naturschutz und war daher besser zugänglich. Seit 25 Jahren ist die Region aber ein Biosphären-Reservat, der Dschungel hat die Pfade von früher längst zurückerobert. Zu den Ruinen zu reiten, wie Von Euw es tat, ist für Ivan Sprajc und sein neunköpfiges Team aus Wissenschaftlern und Einheimischen undenkbar. Sie müssen die Machete zücken.

Der letzte Zipfel Zivilisation

Doch zuerst kommt die Schreibtischarbeit. Sprajc hatte Luftaufnahmen vom Areal gefunden, die ein kanadisches Unternehmen vor rund 20 Jahren machte. Er kaufte und studierte sie, wochenlang, Zentimeter für Zentimeter. Die grünen Flächen sind mit Sommersprossen übersät, die unter dem Stereoskop zu Buckeln wachsen. Ordinäre Hügel? Oder doch Maya-Pyramiden? Zwei vielversprechende Stellen stachen Sprajc ins Auge. Im März schließlich bricht er in den Dschungel auf.

In der Stadt Xpugil, dem letzten Zipfel Zivilisation vor dem Dschungel, trifft er sein Team: drei Archäologen, einen Vermesser, fünf lokale Helfer, eine Köchin. Von da geht es zu Fuß weiter, bewaffnet mit Machete und Motorsäge. Am ersten Tag schaffen die Schatzsucher stolze sieben Kilometer, weil sie im Vorjahr schon Vorarbeit geleistet haben. Danach wird es zäh. Wurzeln und Äste, Lianen und Zweige verwachsen sich zu einer Mauer, die sich kaum niederreißen lässt. Vom Sonnenaufgang bis zum Abend wird gefällt, es ist heiß und ungewöhnlich feucht für die Jahreszeit. Die Moskitos sind eine Dauerplage, Schlangen lauern im Unterholz. Die Nächte, die im Dschungel beängstigend schwarz sind, verbringt Sprajc in der Hängematte, eine Plastikplane schützt vor Regen. Die letzte Dusche gab es in Xpugil. Es gibt Tiefpunkte. "Aber auch Whisky und Rum", lacht Sprajc und schwärmt. Vom Duft feuchter Erde, der Melodie des Dschungels, die nie verstummt. Von seiner aggressiven Schönheit.

Die verschollene Stadt

Nach zwei Wochen der erste Erfolg: Das GPS zeigt die Position einer Sommersprosse an, die Sprajc auf den Luftaufnahmen für eine Ruine hielt. Er hatte recht. Die Forscher stehen mitten in einer verlassenen Stadt. Zwischen 300 v. Chr. und 250 n. Chr. dürfte sie gebaut worden sein. Sie finden eine stuckverzierte Stele, ein unterirdisches Wasserspeichersystem. Es gibt Plätze, große Gebäude, eine Pyramide und einen triadischen Tempelkomplex. Lagunita ist es nicht, aber eine andere Stadt. Eine, die noch auf keiner Karte auftaucht, noch keinen Namen hat. "Tamchén" tauft Sprajc sie, "Tiefer Brunnen" in der Maya-Sprache.

Sobald das Team mit der Dokumentation von Tamchén fertig ist, geht es tiefer in den Dschungel. Ein neuer Weg wird freigeschlagen, ein neues Camp errichtet, vier Kilometer von der nächsten verdächtigen Stelle, weiter kann kein Fahrzeug fahren. Unter enormen Krafteinsatz schlägt sich Sprajc durch die Vegetation. Und dann, plötzlich, nach sechs Wochen im Dschungel, steht er vor der Fassade mit dem Monster-Maul. Hier stand Eric Von Euw, und vor ihm wahrscheinlich Jack Eaton. Lagunita! Es gibt sie wirklich, die verschollene Stadt.

Im Juni kehrt Sprajc zurück aus dem Dschungel, euphorisiert trotz Dauerregens. "Eine Maya-Stadt zu entdecken ist wie einen Schatz zu finden", sinniert er Ende September, zwei Wochen nachdem die Universität die Jubelnachricht kommuniziert hat. "Maya-Forschung ist einer der dankbarsten Bereiche der Archäologie."

Nach Ljubljana bringt er eine Trophäe mit, aber mehr Fragen als Antworten. Welche Rolle spielten Lagunita und Tamchén im Maya-Reich? Gab es kulturellen oder wirtschaftlichen Austausch mit den bekannteren Siedlungsgebieten, die nördlich und südlich liegen? Und warum kamen weder Von Euw noch Eaton jemals zurück?

Zumindest eine Frage könnte Sprajc bald klären. Eric Von Euw, mittlerweile ein alter Mann, lebt in den USA. Karl Herbert Mayer - wieder einmal er - hat seine Kontakte aufgetrieben und Ivan Sprajc weitergegeben. Bald will er ihn anrufen, und mit ihm über das Fassadenmonster sprechen.

Foto: Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH)