Im wilden Westen

Endlose Wildnis, grenzenloses Abenteuer. Wer sich danach sehnt, muss in die Westmongolei reisen. Dafür braucht es dreierlei: einen guten Schlafsack, einen robusten Magen und eine Portion Zuversicht

Erschienen in News 1/2016


Wir sehen uns in einer Woche unten an der Brücke!", ruft Kashbek und donnert in seinem alten Jeep davon. Sieben Stunden lang hat er uns durch die Steppe zum Altai-Tavan-Bogd-Nationalpark geführt. Jetzt fährt er die 120 Kilometer zurück in die nächste Stadt. Als er weg ist, verschwindet auch die Sonne hinter dem Altaigebirge.

Zur Brücke am anderen Ende des Parks soll uns ein Wanderführer begleiten. "Morgen um neun Uhr holt er euch ab", hat Kashbek noch zum Abschied gesagt. Heute müssen wir darauf vertrauen, dass das stimmt. Die nächsten Menschen sind einen Tagesmarsch von hier entfernt, das Handy findet keinen Empfang, und es ist bitterkalt im Zelt. Wer in den wilden Westen der Mongolei reist, braucht dreierlei: einen guten Schlafsack, einen robusten Magen und eine große Portion Zuversicht.

Nachts in der Jurte

Am nächsten Morgen packen wir unser Zelt ein, als auf der Bergkuppe ein Reiter erscheint. Mit einem breiten Lächeln galoppiert er auf uns zu. Er heißt Bara und wird uns durch den Tavan-Bogd-Nationalpark begleiten. Der Schlafsack und die Zuversicht haben den ersten Wildnistest bestanden.

Die Mongolei ist zwar so groß wie Österreich, Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen, hat aber nur drei Millionen Einwohner. Rund ein Drittel davon ist in der Hauptstadt Ulaanbaatar sesshaft. Die anderen leben als Nomaden ohne festes Quartier. Auch Baras Bruder hat erst kürzlich flussabwärts seine Jurte aufgeschlagen. Dieses geräumige Rundzelt soll heute unser Nachtquartier werden. Doch noch steht die Sonne hoch, und wir machen uns auf den Weg durch kniehohes Gras und über staubige Hochebenen. Wir gehen zu Fuß, Bara trabt auf seinem Pferd neben uns her. Wir hüpfen von Stein zu Stein über Flüsse, die hier noch ungezügelt vor sich hin mäandern dürfen. Menschen treffen wir keine, dafür wilde Ziegen und eine Kamelherde. Nach acht Stunden erreichen wir die Jurte von Baras Bruder.

Dessen Frau reicht uns eine Tasse "suutei tsai", salzigen Schwarztee, in dem ein dickes Stück Yakbutter schwimmt. Wir sitzen ums Feuer in der Mitte des Zeltes, im Kessel gart ein Eintopf, über uns baumelt rohes Fleisch. Weil die Nomaden der Mongolei kein Gemüse kultivieren, ernähren sie sich fast ausschließlich von tierischen Produkten. Ziegen, Schafe, Pferde oder Murmeltiere werden in Schmalz geschmort, aus Yak- oder Stutenmilch wird Käse und Butter gemacht.

Reiten wie Dschingis Khan

Für unsere Mägen ist diese Küche zwar eine Herausforderung, doch die mongolische Gastfreundschaft ist zu rührend, um den Nachschlag ablehnen zu können. Wieder rettet uns Bara. Er zaubert eine Flasche Wodka aus seinem Mantel und befüllt eine Messingschale. Bevor er trinkt, taucht er seinen Ringfinger in den Klarschnaps und schnippt ihn dreimal in der Luft. "Für die Ahnen, für die Erde und für die Familie", erklärt er mithilfe eines Bildwörterbuchs und ausladender Gesten. In der Jurte wird laut gelacht, es ist warm, Wodka und Bildwörterbuch machen die Runde. Wir erfahren, dass Bara drei Kinder hat und reiten kann, seit er zwei Jahre alt war.

Es gibt kein Volk der Erde, dessen Geschichte so eng mit dem Reiten verbunden ist wie die der Mongolen. Im 13. Jahrhundert vereinte Dschingis Khan, der große Herrscher, die mongolischen Stämme zu einem Volk. Mit seinen Reiterhorden drang er bis in die heutige Ukraine vor. Noch heute will jedes Kind in der Mongolei so gut reiten können wie er.

Während unserer Wildniswoche treffen wir nur vier Mal andere Menschen, und jedes Mal wiederholt sich dieselbe Szene: Uns wird ein Pferd angeboten. Wir lehnen dankend ab, und Bara erklärt, dass wir lieber zu Fuß gehen. Dann schütteln er und unsere wohlmeinende Bekanntschaft belustigt den Kopf. Wir lachen mit, denn kaum etwas verbindet Fremde so schnell wie das Wissen, ein Gefühl zu teilen. In diesem Fall verbindet uns die Verwunderung übereinander.

Wunder der Wildnis

Sieben Tage lang gehen wir über Bergpässe und Hochebenen, durch Salzwüsten, Sumpfgebiete und Moore. Wir sehen weder Straßen noch Stromleitungen. Manchmal erinnern nur prähistorische Steinritzereien daran, dass schon vor uns Menschen auf diesem Stückchen Erde waren. Die Tage sind warm und wolkenfrei, die Nächte kalt und sternenklar. Wir treffen Hirten, deren Kaschmirziegen hier, in der harten Wildnis, ein besonders edles Unterfell wächst. Wir beobachten eine mongolische Übersiedlung, bei der eine Kamelkarawane einen ganzen Haushalt zum nächsten Lagerplatz transportiert. Wir trinken Buttertee mit Männern, die Adler zur Jagd abrichten. Und plötzlich fällt uns auf, dass der raue Wind, der uns in den letzten Tagen ins Gesicht geblasen hat, auch unsere Zweifel verweht hat. Wir schauen nicht mehr, wir staunen. Wir sind nicht mehr mutig, sondern demütig. Wir wundern uns nicht mehr, wir bewundern.

Am siebenten Tag erreichen wir die Brücke, und Bara reitet zurück nach Hause. Wieder sind wir allein, wieder kommt die Nacht schnell. Am nächsten Morgen weckt uns der Motor von Kashbeks altem Jeep. Er ist gekommen, um uns aus der Wildnis zu holen, und er ist überpünktlich. Aber das ist eigentlich kein Wunder.

Bilder der Reise in die Mongolei finden Sie hier.