Kommt mit auf die Couch

"Was ist dein Lebensgefühl?“ und "Bist du politisch?“ fragte Nina Pauer ihre Altersgenossen um die 30. Aus den Antworten zeichnet sie ein präzises Porträt einer ganzen Generation.

Erschienen in Die Furche 15/3/2012

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Verkopft, verunsichert, überfordert, auf sich selbst bezogen. So beschreibt die 29-jährige Autorin Nina Pauer ihre Generation. Und die - findet das super: Pauers Erstling "Wir haben keine Angst“ ist bereits in dritter Auflage erschienen. Zur Zeit arbeitet sie an ihrem zweiten Buch. Für die FURCHE legte die Hamburgerin eine Schreibpause ein und analysierte per Webcam ihre Altersgenossen und sich selbst.

Die Furche: Sie kommen gerade von einer Schreibklausur an der Ostsee. Wie geht es Ihnen denn mit der Stille?

Nina Pauer: Ich versuche sie zu finden, aber leicht fällt es mir nicht. In meinem nächsten Buch geht es genau darum; die verlernte Stille, die Hyperkommunikation, die völlige Verstrickung ins Soziale. Ich habe einen ganzen Monat gebraucht, um zur Ruhe zu kommen und schreiben zu können, weil die ganze Zeit das Handy bimmelt. Und wenn es nicht bimmelt, gibt es immer noch Facebook. Das musste ich schon beim ersten Buch vor mir schützen, indem ich mein Internet abgedreht habe. Aber jetzt ist es noch schlimmer. Jetzt habe ich ein Smartphone.

Die Furche: Die erschöpfende Kommunikation kommt auch in "Wir haben keine Angst“ vor. Ihre Protagonistin Anna schreibt To-Do-Listen, welche Freunde sie treffen muss, steht ständig unter Strom. "Wir, die wie Anna sind...“ schreiben Sie, und involvieren Ihre Leser. Denen scheint das zu gefallen, obwohl Ihre Generation - die auch meine ist - nicht wirklich gut weg kommen…

"Die Mischung aus dem ökonomischen Druck, dem eigenen Casting-Master, der immer sagt "Sei besser!" und dem pädagogischen Ansatz, dass wir alles dürfen, macht uns so unsicher."

Pauer: Beide Protagonisten, Anna und Bastian, sind extreme Typen und machen auch mich total aggressiv. Ich möchte nicht so sein, wie sie. Dieses negative Um-sich-selbst-kreisen macht mich wütend, wenn ich es an mir erlebe und wenn ich es an anderen erleben. Es war auch Wut, die mich zu dem Buch getrieben hat. Es ist eine Art ehrliches Selbstgespräch, eine Einladung, sich selbst einmal zu röntgen und zu fragen: Wollt ihr wirklich so leben? Ich schließe mich da bewusst nicht aus.

Die Furche: Damit scheinen Sie einen Nerv getroffen zu haben.

Pauer: Ich habe viele Interviews geführt, mit Freunden, Bekannten und Fremden. Die gefühlte Statistik ist extrem dicht. Jeder meiner Gesprächspartner aus dem städtischen Milieu kennt zumindest jemanden, der entweder so extrem rast wie Anna oder so extrem hängt wie Bastian. In meinen Interviews habe ich nur zwei Fragen gestellt: "Wie ist dein Lebensgefühl?“ Und: "Bist du politisch?“ Sonst haben wir uns über das Leben unterhalten. Es war lustig, sich mit Leuten hinzusetzen und zu fragen: "Warum könnt ihr nachts nicht schlafen?“ Meine These ist, dass die Angst und der Druck das Intimste geworden ist, was wir heute fühlen.

Die Furche: Sie beschreiben ein Leben in der Vorläufigkeit, weil man ständig hinterfragt, ob man im richtigen Jetzt für das richtige Später lebt. Das ist zermürbend.

Pauer: Ich verwende das Bild einer Castingshow, um die Angst zu beschreiben, rauszufliegen. Auch soziologische Studien der letzten Jahre zeigen, dass es nicht mehr darum geht, in der Gesellschaft "oben“ oder "unten“ zu sein, sondern "drinnen“ oder "draußen“. Wenn ich jetzt sagen würde, mir wird das alles zu stressig, ich werde Altenpflegerin, würde wahrscheinlich niemand etwas dagegen sagen. Wenn ich meinen Leuten glaubhaft vermittle, dass ich das gerne mache, würde niemand sagen, dass ich abgestiegen bin, weil ich weniger verdiene. Aber es geht ja um Selbstverwirklichung. "Draußen“ ist der, der sich nicht verwirklicht. Der nur irgendetwas macht, und nicht das, was er eigentlich will oder könnte. Diese Selbstfindung, diese Suche nach dem Ich ist bei uns so schrecklich aufgeladen.

Die Furche: Woher kommt das ?

Pauer: Weil wir es können. Weil wir die erste Generation sind, die schon immer alle Möglichkeiten hatte und unsere Eltern gesagt haben: "Kind, tu, was du möchtest.“ Die Mischung aus dem ökonomischen Druck, der immer größer wird, dem eigenen, inneren Casting-Master, der ständig fragt: "Hey, bist du das jetzt? Sei besser!“ und dem pädagogischen Credo, dass wir alles dürfen, macht uns so unsicher. Der Ansatz der Selbstverwirklichung ist ja eigentlich schön, aber wir streben ihn in Perversion an, und das macht uns sehr unzufrieden.

Die Furche: Ist das der einzige rebellische Akt, der unserer Generation bleibt? Zu sagen: Gerade weil ihr es uns immer so leicht gemacht habt, haben wir es jetzt schwer?

Pauer: Theoretisch ja, aber was sollst du rebellieren, wenn alle immer so nett sind? Wenn man mit den Eltern über Beziehungen, Alkohol, Drogen redet, geht das schon mal nicht. Ein Stilbruch geht nur phasenweise und ist einem selbst im Nachhinein peinlich. Und das Politische geht auch nicht, weil man das Gefühl hat, die großen Gesten waren schon. Es ist extrem schwierig sich abzugrenzen. Heroisch geht das kaum. Viele übertreffen ihre Eltern in ihrer Hartnäckigkeit oder Zielstrebigkeit. Aber wenn das auch wieder so verbissen wird und uns krank macht, bringt es nix.

"Die Suche nach dem Ich ist schrecklich aufgeladen"

Die Furche: "Wir sind nicht unpolitisch, wir sind nur still“, schreiben Sie. Ein klares Statement macht Angst, es geht um "Peinlichkeitsvermeidung.“ Im letzten Jahr sind einige Vertreter unserer Generation laut geworden. Es gibt die Piratenpartei, es gibt die Occupy-Bewegung. Finden Sie die peinlich?

Pauer: Als ich am Buch gearbeitet habe, gab‘s das alles noch nicht. Ich finde die Piraten nicht peinlich, aber ich finde, das ist es noch nicht. Auch Occupy ist es noch nicht. Aber es brodelt. Peinlichkeitsvermeidung und Ironiebesessenheit ist nichts, worin du verharren kannst. Und dieses Um-sich-selbst-drehen ist nichts, wo man auf Dauer drin sein sollte und wir wollen ja auch alle etwas nach außen geben. Aber wir finden den richtigen Kanal dafür noch nicht. Ich glaube, es gibt auch keinen ultimativen Kanal dafür. Wir haben Blumenstraußidentitäten, gepatchworkte Rollen, da kann man sich nicht sein Leben lang auf eine Linie festlegen kann. Momentan schwillt etwas an, und ich hoff‘, dass etwas Gutes passiert. Aber es gibt noch kein Gleichgewicht von affirmativem Statement und Aktion.

Die Furche: Finden Sie auch etwas Liebenswertes an unserer Generation, das sie positiv von anderen unterscheidet?

Pauer: Auf jeden Fall. So sehr mich das Unpolitische aufregt, finde ich es gut, dass wir nicht leicht verführbar sind. Und wir können grandiose Freundschaften führen, trotz Facebook. Auch die Fähigkeit zur Reflexion ist ja eigentlich etwas Tolles. Aber da kippt es leicht, wir betreiben das gerne zu extrem.

Die Furche: Was hilft dagegen?

Pauer: Ganz wichtig ist Relativierung. Und den Körper spüren. Das hört sich komisch an, aber es ist das Einzige, was gegen irres Kopfkino hilft, wenn man den Moment nicht verpasst, weil man nur darüber nachdenkt, sondern ihn auch mal spürt.

Foto: Dennis Williamson