Letzte Station unter Palmen

Ewige Sonne, billige Arbeit: Für pflegebedürftige Europäer oder Amerikaner sind die Philippinen besonders attraktiv. Ein Besuch in einem deutschen Pflegeheim für Alzheimer-und Demenzkranke.

Erschienen in Die Furche 30/4/2014


An seine schönste Reise kann sich Albert nur mehr vage erinnern: "Da hat meine Frau gesagt, 'Fahr doch alleine fort', und ich bin irgendwohin geflogen, war in einem wunderschönen Hotel und hab' meine Freude gehabt." Wohin diese Reise ging, weiß er nicht mehr. Wann sie war, auch nicht. Möglich, dass er von der Gegenwart spricht. Denn für Albert fühlt sich das alles stark nach Urlaub an. "Wohnen Sie auch in diesem Hotel?", fragt er die Besucherin mit dem vertrauten Dialekt. Mit seiner gebräunten Haut, seinem Sommerhemd und den Stoffslippern könnte der 77-Jährige tatsächlich als Tourist durchgehen. Doch er lebt auf den Philippinen, in einem Pflegeheim für Alzheimer-und Demenzkranke.

Vor zwei Jahren eröffnete Peter Probst, selbst aus Deutschland, das Haus auf der philippinischen Insel Panay. Die erste Anfrage erreichte den ehemaligen Audi-Manager, noch bevor er überhaupt Personal hatte. Er engagierte eine philippinische Geriatristin, führte Bewerbungsgespräche mit Krankenpflegern und ging eine Kooperation mit dem benachbarten Spital ein.

Überfordernde Pflege

Heute werden zehn Menschen im Haus "Mabuhaii" betreut. Albert aus Zürich ist einer davon. Weil er aus dem Pflegeheim in der Schweiz, in dem er untergebracht war, regelmäßig fortlief, musste er in eine geschlossene Anstalt. "Er wurde mit Medikamenten ruhiggestellt, was ihn noch verwirrter machte. Eine Pflegeperson war für sechs Menschen zuständig, rausgehen war nicht möglich. Das war für ihn und für uns wirklich schlimm", erzählt seine Tochter Sybille. Die Familie holte ihn nach Hause, doch Alberts Frau war durch die Pflege bald am Ende ihrer Kräfte. "Die Entscheidung für das 'Mabuhaii' fiel dann relativ schnell."

"Jeden Nachmittag spaziert er mit seinem Pfleger an der Promenade entlang, gönnt sich ein Bier in der Sonne und plaudert."

Seit letztem Juni lebt er auf den Philippinen, in seinem Zimmer hängen Postkarten aus der Schweiz und Bilder vom Enkelkind. Manchmal geht er im Pool eine Runde schwimmen, doch meistens zieht es ihn auch hier nach draußen. Jeden Nachmittag spaziert er mit seinem Pfleger an der Promenade entlang, gönnt sich ein Bier in der Sonne und plaudert: "Hier sind noch nicht so viele Touristen, das ist schön.

Ein bissl Witz, ein bissl Blödeln, das mach' ich gern", erzählt er beim Abendessen. Der Ausflug ist möglich, wann immer er Lust hat, weil Albert  – wie alle "Mabuhaii"-Patienten  – vier private Pfleger hat. Rund um die Uhr ist jemand bei ihm. In Europa wäre eine derart intensive Betreuung nicht finanzierbar. Hier auf den Philippinen kostet der Pflegeplatz 2000 Euro im Monat.

Das liegt daran, dass die Krankenpfleger monatlich nur rund 130 Euro verdienen. Christina ist eine davon, sie hat heute Dienst im "Mabuhaii". Nach ihrer vierjährigen Ausbildung arbeitete sie in einem Spital, bevor sie in Probsts Pensionistenhaus wechselte. Sie ist heute für Steve zuständig, einen 76-jährigen Amerikaner, der früher US-Marine war. Heute wird der ehemalige Elitesoldat beinahe von seinem Lehnstuhl geschluckt. Wo er ist, weiß er schon lange nicht mehr. Er war der erste Patient im "Mabuhaii", Christina kennt ihn seit dem ersten Tag. Inzwischen kann sie auch mit seinen Ausbrüchen umgehen, wenn er schreit, und um sich schlägt. "Dann lese ich ihm aus der Bibel vor oder singe 'You are my sunshine' mit ihm", sagt sie, und stimmt das Lied an, weil Steve unruhig wird. Der Soldat singt mit.

Seine beiden Söhne brachten ihn vor zwei Jahren auf die Philippinen. Seitdem waren sie nicht mehr da. Am Anfang telefonierten sie noch manchmal mit ihm, mittlerweile schreiben sie nur mehr knappe E-Mails an die Pfleger. Für Christina, die ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter zu Hause pflegte, ist das schwer nachvollziehbar: "Ich fürchte, er wird seine Söhne bald ganz vergessen." Trotzdem hat sie Verständnis für Familien, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen ins "Mabuhaii" schicken. "Die Menschen haben es bei uns oft besser als zu Hause."

Ein Hafen für Alte

Das war auch für Alberts Familie ausschlaggebend für die Entscheidung. "Ein schlechtes Gewissen hätten wir, wenn wir ihn in der Schweiz in eine geschlossene Anstalt gesteckt hätten und ihn dann dort am Sonntag besuchen würden," sagt seine Tochter. Sie war vor einem Monat bei Albert auf den Philippinen, ihre Schwester Yvonne kommt in zwei Wochen. Danach wird Alberts Frau die 17-stündige Reise nach Asien antreten. "Wir telefonieren jeden zweiten Tag und verbringen abwechselnd unsere Ferien bei ihm." Obwohl die Entscheidung in ihrem Umfeld auf viel Verständnis stößt, gibt es auch Familienmitglieder, die darin eine Abschiebung sehen. "Das macht uns sehr betroffen", sagt Sybille, "denn diese Menschen sehen absolut nicht, wie schwierig es ist, eine demente Person zu betreuen." Jede Familie, meint sie, müsse selber entscheiden, wie viel Pflege sie für einen Patienten aufbringen kann und gleichzeitig eine eigene Lebensqualität erhalten kann. "Das ist genauso wichtig! Denn es bringt auch dem Dementen nichts, wenn man selber zusammenbricht."

Für Schweizer, die auch zu Hause einen Großteil der Pflegekosten selbst tragen müssen, ist die Betreuung im Ausland finanziell besonders interessant. Die österreichische Pflegeversicherung zahlt nicht außerhalb der EU. Trotzdem glaubt man in der philippinischen Pensionsbehörde, dass das Land ein idealer Alterssitz für Europäer ist: "Es gibt kein altenfreundlicheres Land auf dieser Erde. Wir Filipinos sind warmherzig, schließen Ausländer sofort in unsere Familiengemeinschaft ein", meint Noehl Bautista, die Marketingmanagerin der Behörde. Sie reist heuer auf Pensionistenmessen in Indien und Deutschland, Kanada und Japan, um ihre Heimat als Altershafen zu bewerben. 150.000 Dollar investiert das Amt jedes Jahr in Werbung in internationalen Medien.

Visum auf Lebenszeit

Das Produkt, das angepriesen wird, ist ein spezielles Pensionistenvisum, das auf Lebenszeit gilt. Man kann ein-und ausreisen, sooft man möchte, darf seinen Hausrat zollfrei ins Land übersiedeln und für seine Kinder Ausbildungsvisa beantragen. Ein über 50-Jähriger, der von seinem Heimatland mindestens 800 Dollar Pension bekommt, muss eine einmalige Kaution von 10.000 Dollar hinterlegen. Wer jünger ist, muss einmalig 50.000 Dollar einzahlen, die er in eine Immobilie investieren kann.

Fast 33.000 Menschen aus 107 Ländern leben mit diesem Pensionistenvisum auf den Philippinen. Dreiviertel davon stammen aus asiatischen Ländern wie China, Korea oder Japan. Doch auch immer mehr Amerikaner und Europäer bewerben sich um ein Visum. Zwei Prozent aller Visahalter kommen bereits aus Deutschland, und auch 47 Österreicher sind dabei. Dazu kommen all jene, die mit einem normalen Touristenvisum, das sie regelmäßig verlängern, dauerhaft auf den Philippinen residieren.

"Als er wusste, dass er fliegen kann, blätterte er Reisekataloge durch, nahm elf Doppelstunden Englisch und trainierte, Reis und Fisch zu essen."

Nicht alle von ihnen sind krank oder pflegebedürftig. Die meisten leben selbstständig in Häusern oder Wohnungen und lassen sich von günstigen Angestellten im Haushalt helfen. In den Straßencafés von Manila oder Cebu sieht man etliche rüstige Grauhaarige, in der einen Hand ein Bier, in der andern eine junge Filipina.

Der Traum vom süßen Leben unter Palmen hat auch Walter, 72, auf die Philippinen gezogen. Weil ihm in Deutschland elf Monate im Jahr kalt war, stieg er letzten Sommer zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug. Ein "Testflug" nach Gran Canaria. Als er wusste, dass er fliegen kann, blätterte er durch Reisekataloge, nahm elf Doppelstunden Englisch-Unterricht, trainierte Reis und Fisch zu essen und buchte im Herbst einen Flug auf die Philippinen.

Eine junge Frau war schnell gefunden, doch die Verständigung war schwieriger als erwartet. Der Fisch wurde ihm, anders als in seiner Übungsphase, ohne Sauce, aber dafür schon zum Frühstück serviert. Und schließlich tauchte auch noch ein Ehemann auf, der das Zusammenleben mit der Dame störte. Als Walter vom "Mabuhaii" hörte, übersiedelte er in einen Bungalow im neuen Haus für betreutes Wohnen von Peter Probst. Dort hat er ein Bett, einen Tisch, einen Kleiderkasten und einen Ventilator, den er aber nie einschaltet. "Ich genieße den weiten Himmel, unter dem ich an jedem einzelnen Tag sitzen kann."

Walter ist gesund, doch sein Sehvermögen ist stark eingeschränkt. Er braucht keine Pflege, aber von Zeit zu Zeit eine helfende Hand. Ein komfortables Altersheim in Deutschland konnte er sich von seiner kleinen Pension nicht leisten. Hier reicht sie für einen Bungalow und einen Koch, der zum Frühstück auch deutsches Brot mit Marmelade oder Wurst serviert. Wie lange er bleibt, hat er noch nicht entschieden: "Wahrscheinlich aber für immer."

Für die meisten "Mabuhaii"-Bewohner werden die Philippinen die letzte Station sein. Noch ist es noch nicht passiert, aber irgendwann wird es den ersten Todesfall geben. Dann steht ein lokales Krematorium parat, das die Asche nach Hause schickt. "Jede Reise ist einmal zu Ende", meint Peter Probst. "Das wichtigste ist dann, dass sie schön war."

Es ist Abend geworden im "Mabuhaii", die Hitze legt sich, und Albert hat seine Dessert-Papaya aufgegessen. Bevor er sich in sein Zimmer zurückzieht, verabschiedet er sich höflich: "Adé Madame", sagt er, "ich geh jetzt nach Hause. Kommen Sie doch einmal vorbei. Ackermannstraße 10."