Rudi Rastlos

Zielstrebig hat sich Rudolf Hundstorfer in der roten Hierarchie emporgearbeitet. Jetzt bewirbt er sich um das höchste Amt im Staat: Er will Bundespräsident werden

Erschienen in News 2/2016


Dieser Dienstag beginnt für Rudolf Hundstorfer wie fast alle Dienstage der letzten sieben Jahre. Mit einem Routinetermin im Bundeskanzleramt. Beim Ministerrat trifft er seine Regierungskollegen. Heute berät man über Flüchtlingszahlen, spricht über die Finanztransaktionssteuer und beschließt, dass Seekirchen in Salzburg ein Bezirksgericht bekommt. Für den Sozialminister ist es trotzdem eine besondere Ministerratssitzung: eine seiner letzten. Sehr bald wird er sein Amt zurücklegen. Rudolf Hundstorfer, den nicht nur Freunde "Rudi“ nennen, bewirbt sich um das höchste Amt im Staat. Er will Bundespräsident werden.

Sein Weg an die politische Spitze war zwar schnurgerade, aber alles andere als vorgezeichnet. Als zweiter Sohn wird Hundstorfer 1951 in eine Wiener Arbeiterfamilie geboren. Der Vater ist in der Bauarbeiter-Urlaubskasse tätig, die Mutter Hausfrau, der Bruder fast zehn Jahre älter. Man lebt gut, aber einfach. Die ersten Jahre in einer Arbeiterwohnung in Margareten. Zwei Zimmer, Küche, Klo am Gang. Später ziehen die Hundstorfers in eine Genossenschaftswohnung in Favoriten, mit eigenem Badezimmer. "Das war ein sozialer Aufstieg“, sagt Hundstorfer.

Es sollte noch weiter nach oben gehen. Langsam zwar, aber immer entlang der Lebenslinie der SPÖ. Die hat einen festen Platz im Alltag der Familie Hundstorfer. Der Maiaufmarsch ist ein Fixtermin. Der Vater wird Zentralbetriebsrat, die Mutter engagiert sich in der Fürsorge. Und auch Rudolf Hundstorfer wird schon mit sieben Jahren offiziell politisch, als er den Roten Falken beitritt, der Freizeitorganisation im Vorfeld der SPÖ. Sie eröffnen ihm eine neue Welt, die nicht an den Landesgrenzen endet. Mit elf reist Hundstorfer das erste Mal ins Ausland, zum Ferienlager der Roten Falken nach Dänemark.

"Er war immer sehr engagiert. Aber man ist halt immer nur so gut, wie man halt ist."

Als Jugendlicher spielt Hundstorfer Handball. Natürlich beim rot getönten ASKÖ Landesverband. Er trainiert regelmäßig im Haydnpark am Gaudenzdorfer Gürtel, aber obwohl er den Sport ernst nimmt, hält sich sein Erfolg in Grenzen. "Er war immer sehr engagiert. Aber man ist halt nur so gut, wie gut man halt ist“, erinnert sich Erwin Lucan, der damals mit ihm in der Mannschaft spielte und heute sein Stellvertreter als Präsident des Handballverbandes ist. Hundstorfer ist kein schneller Angreifer, meist spielt er Abwehrpositionen. Im Team schätzt man ihn trotzdem: "Er war immer für alle da und darum bemüht, Probleme zu lösen“, sagt Lucan. "Eigentlich wie heute: kein Hitzkopf, ein Streitschlichter.“


Nach der Hauptschule macht Hundstorfer eine Lehre als Bürokaufmann bei der Stadt Wien. Später will er die Matura nachholen. "Fünfmal in der Woche bin ich in die Abendschule für Berufstätige gegangen“, sagt er. Trotzdem scheitert er an Latein und schafft erst später die Externistenmatura. In der gleichen Zeit beginnt er, der Streitschlichter, sich in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten zu engagieren. Eine Möglichkeit, für die Internationale Gewerkschaftsbewegung nach London zu gehen, schlägt er aus persönlichen Gründen aus. Er bleibt in Wien. "Ab dann ist der Zug gefahren“, sagt Hundstorfer heute.

In kleinen, aber beharrlichen Schritten arbeitet er sich in der sozialdemokratischen Hierarchie nach oben: vom gewerkschaftlichen Jugendreferent zum Organisationsreferenten zum Leitenden Referenten. Weiter zum Vorsitzenden der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, zuerst in Wien, dann in ganz Österreich. Er sitzt für die SPÖ im Wiener Gemeinderat, zwölf Jahre ist er dessen Vorsitzender.

2006, mit 55, macht Hundstorfer seinen wichtigsten Schritt. Als der Österreichische Gewerkschaftsbund nach dem Bawag-Skandal am Ende scheint, wird er sein Präsident. Eine mühsame Aufgabe, doch Hundstorfer gelingt es, den ÖGB wiederzubeleben. Belohnt wird er mit dem Amt des Sozialministers. Schafft er es jetzt, mit 64, noch an die Spitze der Republik?

Vorerst muss er sich jedenfalls beeilen, denn direkt nach der Ministerratssitzung wird er bei einer Pressekonferenz des AMS erwartet. Er spricht über Asylwerber, hält seinen Vortrag routiniert. Als er fertig ist, tauscht er mit AMS-Chef Johannes Kopf Platz, damit der direkt in die Mikrofone sprechen kann. Während Kopf berichtet, klickt Hundstorfer für ihn die Powerpointfolien weiter.

 

Wie rechts muss ein Roter sein, um ganz nach oben zu kommen?

Unkompliziert, hemdsärmelig, bodenständig, so beschreiben ihn auch Kollegen anderer Fraktionen. Mit seiner Art kommt jeder irgendwie zurecht. Mit seinen Inhalten jedoch sind auch Parteikollegen nicht immer einverstanden. "Beim Arbeitsmarktzugang für Asylwerber bleibe ich auf der Bremse“, sagt Hundstorfer heute bei der Pressekonferenz wieder deutlich. Ganz klassischer Gewerkschafter, eher vom rechten Flügel der SPÖ. Über die Richtung seines Präsidentenwahlkampfs spricht Hundstorfer diese Woche nicht mit Journalisten. Aber Josef Kalina, der im Match um die Hofburg als SPÖ-Berater fungiert, lässt bereits eine Richtung durchblicken: "Priorität Nummer eins muss jetzt sein: Zuzug bremsen, so stark es geht“, schreibt er auf Twitter zum Thema Flüchtlinge. Wie rechts muss ein Roter sein, um ganz nach oben zu kommen?


Dass Hundstorfer überhaupt so weit gekommen ist, hat viele seiner Wegbegleiter überrascht. Wer von ihm erzählt, lobt seine Leutseligkeit, seine Geduld, seine Verbindlichkeit und seinen Fleiß - noch heute absolviert kein Regierungsmitglied so viele öffentliche Termine wie er. Von extremem Ehrgeiz spricht niemand. "Ich habe das Glück gehabt, dass sich Türen geöffnet haben. Dass man mich gefragt hat, ob ich nicht mehr machen möchte“, sagt Hundstorfer.

Dabei sind die Umstände, unter denen er nach oben gerufen wurde, nie sehr angenehm. Als er den ÖGB übernimmt, steckt dieser in einer Existenzkrise. Kurz bevor er Sozialminister wird, bricht die Investmentbank Lehman zusammen und löst eine weltweite Wirtschaftskrise aus. "Es wirkt so, als bräuchte er eine große Krise, um noch einmal wachsen zu können“, sagt Franz Küberl über Hundstorfer. Der ehemalige Caritas-Präsident kennt ihn seit 40 Jahren. Damals reisen die beiden als Vertreter ihrer jeweiligen Jugendorganisationen miteinander auf Sprachkurs nach London. Ihre Wege kreuzen sich auch später, besonders seit Hundstorfer Sozialminister ist. Obwohl Küberl mit den großen sozialpolitischen Neuerungen unter Minister Hundstorfer - dem Pflegefonds, der Mindestsicherung, dem Freiwilligen Sozialen Jahr - nicht immer ganz zufrieden war, sagt er: "Er hat die seltene Fähigkeit, zu warten, bis ein Projekt reif ist und politisch durchgeht.“

Auch Gerald Loacker, Sozialsprecher der Neos, lobt, dass sich Hundstorfer schon im Gesetzwerdungsprozess die Positionen aller Oppositionsparteien anhöre und bereit sei, Ideen zu übernehmen. Wenn es um wichtige Entscheidungen geht, wirft ihm Loacker aber Schwäche vor: "Bei vielen Themen weiß er, was zu tun wäre. Aber aus Rücksichtnahme auf die politische Ruhe tut er nichts.“ Auch eine Seite des Mannes, der die Sozialpartnerschaft lebt.

Es ist schon 12.30 Uhr, und Hundstorfer sitzt immer noch am Podium der Pressekonferenz. Aufstehen und gehen ist nicht sein Stil. Einen Termin absagen genauso wenig. Lieber kommt er zu spät als gar nicht, und so taucht er erst um 13.20 Uhr in der Wirtschaftskammer auf, wo er bei der alljährlichen "Knackwurstjause“ erwartet wird. Er schüttelt viele Hände, plaudert mit den Spitzen der Wirtschaftskammer. Nach zwanzig Minuten sitzt er wieder im Auto. "Für Menschen zu arbeiten, muss dir persönlich eine Freude machen“, sagt Rudolf Hundstorfer.

Sozialpartnerschaftliche Termine nimmt Hundstorfer besonders wichtig. Als der ÖGB am Boden liegt, hilft auch die Wirtschaftskammer dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Kammer-Generalsekretär ist damals Reinhold Mitterlehner. Die beiden wechseln gleichzeitig von der Interessenvertretung in die Bundesregierung und haben immer noch ein ausgezeichnetes Verhältnis.

Die engen Kontakte in alle politischen Richtungen haben Hundstorfers Weg nach oben geebnet. "Im Nachhinein muss man sagen, dass Rudi mit seiner guten Vernetzung der Einzige war, der den ÖGB aus der Krise führen konnte“, sagt Wilhelm Haberzettl heute. Er war damals Chef der Eisenbahngewerkschaft und man sagte ihm nach, selbst nach Höherem zu streben.

Gelernt hat Hundstorfer das Konsenskonzept von Rudolf Pöder. Der 2013 verstorbene Sozialdemokrat war Vorsitzender der Gewerkschaft für Gemeindebedienstete, später Wiener Gemeinderatsabgeordneter, dann Nationalratsabgeordneter und Nationalratspräsident. In der Gewerkschaft war Hundstorfer jahrelang sein engster Mitarbeiter: "Pöder war mein politischer Ziehvater. Wenn ich Fehler gemacht habe, hieß es nicht ‚Rübe ab‘, sondern wir haben das ausdiskutiert.“

Pöder ist es auch, der Hundstorfer konsequent zur Führungskraft aufbaute. Sein steter Aufstieg innerhalb der Gewerkschaft ist genau so vorgesehen, kämpfen muss er nie um Jobs. Sich duellieren und gewinnen, das gibt es bisher nicht in seinem Karriereverlauf. Auch die Ellenbogen muss er nicht einsetzen, Hundstorfer steigt händeschüttelnd auf.

Punkt 14 Uhr kommt er an diesem Tag im Parlament an, dort hält er zum 60. Geburtstag des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes eine kurze Rede. Er begrüßt die Ehrengäste und seine "Vorgänger“. Ein Schmunzeln geht durch den Plenarsaal: Meint er damit die anwesenden Ex-Sozialminister oder Bundespräsident Heinz Fischer, der direkt vor ihm sitzt? "Ich rede hier als Sozialminister“, sagt er und lacht laut. "Schuster, bleib bei deinen Leisten. Alles andere bringt die Zukunft - und Leisten können sich ja auch ändern.“

Es macht ihm Spaß, in diesen Tagen vor der offiziellen Bekanntgabe seiner Kandidatur damit zu kokettieren. Gerüchte über Karriereschritte haben Hundstorfer noch nie irritiert. Im Gegenteil: Als vor vier Jahren erstmals das Gerücht aufkommt, dass er Werner Fayman als Kanzler beerben könnte, wehrt er sich beim informellen Geplauder gegen die Vermutung, dass die ÖVP das Ganze startete, um die SPÖ zu destabilisieren. "Das sagen schon meine eigenen Leute“, sagt er nicht ohne Stolz.

 

Dass ich laut werde kommt so häufig vor wie Streiksekunden in Österreich.

Nach dem Termin im Parlament fährt Hundstorfer zurück in die Privatheit seines Büros am Stubenring. Er besteht darauf, dass er auch im Umgang mit Mitarbeitern immer freundlich ist: "Es kann schon vorkommen, dass ich sage: ‚Freunde, da kommen wir nicht weiter.‘ Aber dass ich laut werde, kommt so häufig vor wie Streiksekunden in Österreich.“


Auch Wilhelm Haberzettl erinnert sich nur an eine ÖGB-Krisensitzung, in der Hundstorfer die Geduld verliert. Am emotionalsten dürfte er im Sozialausschuss im Parlament werden, wo er schon einmal ungehalten auf FPÖ-Sozialsprecher Herbert Kickl und Gerald Loacker von den Neos reagiert. Missbilligung zeigt er aber eher mit seiner Mimik, weniger mit seiner Stimme: Dann verdreht er gerne die Augen, verzieht den Mund, runzelt die Stirn.

Politische Niederlagen, wie die Volksabstimmung über die Abschaffung der Wehrpflicht, die nicht in seinem Interesse ausgegangen ist, vergisst er schnell. "Meine Grundeinstellung ist: Wenn ich in Depressionen verfalle, löst das überhaupt kein Problem.“ Also Gleichmut statt Schärfe, kann er so in einem Persönlichkeitswahlkampf reüssieren?

An diesem ganz gewöhnlichen Dienstag hat Rudolf Hundstorfer mehrere hundert Hände geschüttelt. Den Abend verbringt er bei einem privaten Termin. Wie er lebt, behält er lieber für sich. Hundstorfers Ehefrau Karin arbeitet im Gesundheitsbereich, sie hat bisher alle seine Karriereschritte mitgetragen. Mit ihr bespricht er wichtige Entscheidungen. An freien Wochenenden versucht der emsige Veranstaltungsbesucher in seinem Zweitwohnsitz im Ötscherland zur Ruhe zu kommen. Er liebt skandinavische Krimis und die holländische Nordseeinsel Ameland, wo er besonders gerne Sommerurlaub macht.

Falls er Bundespräsident werden sollte, wäre damit wohl Schluss: Vom Staatsoberhaupt wird erwartet, dass es daheim in Österreich urlaubt. Und wenn er es nicht wird? Wahrscheinlich würde Rudolf Hundstorfer auch das mit Gleichmut hinnehmen. Und vielleicht noch einmal Rudolf Pöder, seinem politischen Mentor, nachfolgen. Der war am Karriereende Präsident des Pensionistenverbands.