Saschas Showdown

In Umfragen liegt Alexander Van der Bellen vorne. Doch jetzt geht der TV-Wahlkampf in die heiße Phase, und der liegt ihm nicht. Macht sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein die fehlende Strahlkraft wett?

Erschienen in News 14/2016


Gerade noch sang ihm Paul McCartney "Jet" ins Ohr, den schwungvollen Song über dessen Labrador, und Alexander Van der Bellen, der Hundemensch, hat dazu vergnügt im Takt gewippt. Doch jetzt ist ein anderer Paul in der Leitung, und der ist verärgert: "Sagen Sie, Herr Professor", keppelt er in hartem Tirolerisch, "wie soll man Ihnen ernsthaft zutrauen, als Präsident die großen Probleme der Welt zu lösen, wenn Sie nicht einmal imstande sind, mit dem Rauchen aufzuhören?" Mit großen Kopfhörern steht Alexander Van der Bellen vergangenen Freitag im ORF-Studio und beantwortet die Fragen von "Radio Tirol"-Hörern. Eine ehemalige Tanzschulkollegin ruft an, ein FPÖ-Lokalpolitiker, ein Mann, der zu den guten Umfragewerten gratuliert. Und Paul, der Nichtraucher. Van der Bellen stützt beide Hände in die Hüften, legt die Stirn in Falten und entscheidet sich dann doch fürs Schmunzeln. "Ich fürchte, damit werden Sie leben müssen. I'm not perfect", antwortet er ins Radiomikrofon: "Wenn das Rauchen für Sie ein hinreichender Grund ist, mich nicht zu wählen -dann bitte."

Alexander Van der Bellen will Bundespräsident werden, und dafür muss er Wahlkampf führen. Er muss Interviews geben, Betriebe besuchen, mit Wählern diskutieren, Hände schütteln. Er muss erklären, warum er derzeit keinen FPÖ-Kanzler angeloben würde, und warum das in seinen Augen nicht undemokratisch ist. Er muss rechtfertigen, warum er nicht als Kandidat der Grünen antritt, obwohl er elf Jahre lang deren Chef war. In Fernsehdiskussionen muss er um Redezeit kämpfen, Staatsoberhäupter an deren Frisuren erkennen, "Hänschen klein" rezitieren. Und er muss sich vorwerfen lassen, dass er mit 72 Jahren immer noch raucht.

Erst im September veröffentlichte Alexander Van der Bellen ein Buch, in dem er die Freiheit feierte, auch die persönliche. Am meisten Freiheit hätte er natürlich, wenn er nach drei Jahrzehnten an der Universität und fast einem Vierteljahrhundert in der Politik einfach in Pension ginge. "Ja, sicher", sagt er lachend, als amüsiere er sich über sich selbst. "Das hätte ich "

Er muss sich vorwerfen lassen, dass er mit 72 Jahren immer noch raucht

Als das Buch erschien, hatte er sich innerlich schon dazu entschlossen, ein unbelästigtes Leben auf später zu verschieben und für die Bundespräsidentschaft zu kandidieren. Denn diesmal passte ihm der Zeitpunkt. Bereits vor zwölf Jahren, als Heinz Fischer sich erstmals der Wahl stellte, diskutierten die Grünen, dass "Sascha" - wie ihn die nennen, die ihn nicht mit "Professor" ansprechen -einen guten Kandidaten abgeben würde. Van der Bellen gefiel der Gedanke, doch für ihn war es zu früh. Er war damals sieben Jahre Bundessprecher der Grünen, die schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen waren im Jahr davor gescheitert. Und gegen Heinz Fischer, mit dem Van der Bellen bereits befreundet war, als der noch ein kleiner Klubsekretär war, wäre er sowieso nicht angetreten. Auch mit Barbara Prammer, die vor ihrer Krebsdiagnose als logische SPÖ-Kandidatin für die Hofburgwahl galt, hätte er nicht konkurrieren wollen. Doch Prammer starb 2014, statt ihr kandidiert nun Rudolf Hundstorfer. "Letzten Sommer, als die Entscheidung akut wurde, sah ich niemanden, zu dessen Gunsten ich auf eine Kandidatur verzichten wollte", sagt Van der Bellen. Madeleine Petrovic, seine Vorgängerin als Bundessprecherin der Grünen, interpretiert seine Überlegung noch deutlicher: "Er wird sich gedacht haben: Wenn ich es nicht tue, dann wird es jemand anderer machen. Und der wird nicht, wie ich, das Gute, Wahre und Schöne anstreben." An Selbstbewusstsein hat es Alexander Van der Bellen nie gefehlt.

Verantwortlich dafür ist sein Vater, ebenfalls ein Alexander, der aus einer russischen Adelsfamilie stammte: "Er hat mir ein Gefühl von Autonomie mitgegeben und mir beigebracht, den Selbstwert weder über andere noch über Erfolg oder Misserfolg zu interpretieren." Vor den Bolschewiken floh Alexander senior über Estland, wo er seine Frau kennenlernte, nach Österreich. Alexander junior kam 1944 in Wien zur Welt. Als ein Jahr später die Rote Armee im Anmarsch war, flohen die Van der Bellens weiter westwärts und ließen sich schließlich im Tiroler Kaunertal nieder: "Mein Vater hatte ein geradezu aristokratisches Selbstverständnis. Im alten Russland war das eine angesehene Familie", sagt Van der Bellen.


An den respektvollen Umgang miteinander und die osteuropäische Rote-Rüben- Suppe bei den Van der Bellens erinnert sich auch der 72-jährige Johann Pockstaller. Im Kaunertal war er der Nachbarsbub, spielte mit Sascha am Bach, ging mit ihm Ski fahren. Noch heute ist er ein guter Freund: "Zu Blödheiten konnte man Sascha nie überreden. Schon als Kind hat er alles sehr überlegt gemacht", sagt Pockstaller. Bis auf einmal, während eines Sommerurlaubs der Familie am Attersee, als der kleine Van der Bellen unpassend frech zu einer Hausangestellten war. Das brachte sogar den sonst sehr ruhigen Vater in Rage: "Er stand für das Gegenteil von ,Nach oben buckeln, nach unten treten'", sagt Van der Bellen. "Er brachte mir bei, jeden Menschen mit dem gleichen Respekt zu behandeln -aber sich von oben nichts gefallen zu lassen."

"Mein Vater hatte ein aristokratisches Selbstbewusstsein"


Das Vermächtnis des Vaters wurde für ihn zur Lebensmaxime. "Im Gymnasium war er der natürliche Kandidat für das Klassensprecheramt", sagt Tilmann Märk, der zwölf Jahre lang Mitschüler von Alexander Van der Bellen war und heute Rektor der Uni Innsbruck ist. In den späten 1960er- Jahren führte Van der Bellen dort einen Umsturz im Assistentenverband an. Und als er sich schließlich -eingefädelt von seinem Studenten Peter Pilz -um einen Listenplatz der Grünen für die Nationalratswahl 1994 bewarb, trat er vehement für den EU-Beitritt Österreichs ein, während die meisten Grünen strikt dagegen waren. Gewählt wurde er trotzdem, und drei Jahre später sogar zum Chef der Partei gemacht. "Er hat sich nie in Positionen gedrängt", sagt Peter Pilz über ihn, "wahrscheinlich, weil er wusste, dass er am Ende des Tages eh darum gebeten wird." Van der Bellen meint nur: "Die Dinge passieren, wenn man zulässt, dass sich Chancen öffnen, und sie dann ergreift."

Diesmal sieht er die Chance, der erste Bundespräsident Österreichs zu werden, der nicht aus einer Regierungspartei kommt, und es ist ihm ernst damit. Er hat ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, will Ruhe in die Flüchtlingsdebatte bringen, Angst vor der Zukunft nehmen. Er will einen überlegten, zuversichtlichen Politikstil vorleben. Er will dem ganzen Land etwas von seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein abgeben. Wäre der Slogan nicht vom Wutpolitiker Donald Trump besetzt, könnte er glatt "Make Austria great again" sagen. Doch Van der Bellen orientiert sich lieber an Barack Obama. "Yes I Can" zitiert er zurzeit auffällig oft. Bei Wahlkampfveranstaltungen lässt er "Öbama"-Sticker mit ikonischem Konterfei verteilen.


Die Strahlkraft, die Barack Obama 2008 zum Präsidenten machte, fehlt Alexander Van der Bellen allerdings. Wie es sein Wahlkampfkalender vorsieht, spaziert er am Freitagvormittag über einen Bauernmarkt in Salzburg. Er grüßt hier, kostet da und stellt viele Fragen. Von der Gärtnerin will er wissen, wie die Umstellung auf die Registrierkassa ablief. Vom Schnapsbrenner, wieso die Produktion von Vogelbeerschnaps so aufwendig ist. Es ist Informationsaustausch, kein Small Talk. Mit banaler Plauderei kann Van der Bellen nichts anfangen, und er macht keine Anstalten, das zu verbergen. Die meisten Menschen stört das nicht. Von einem Professor erwarten sie keine Schenkelklopfer, seine ruhige Art strahlt auf andere ab. Doch als eine laute Dame in Leopardenprintkleid auf ihn zustürmt und ihn zu ihrem Marktstand bewegen will, ist ihm das unangenehm. "Bis jetzt habe ich es noch bei jedem Politiker geschafft, dass er seiner Frau von meinem Stand ein Geschenk mitnimmt", sagt sie.

Über sein Privatleben spricht Alexander Van der Bellen nur ungern. Seine erste Frau heiratete er früh, mit 19 wurde er Vater. Vergangenen Dezember heiratete er zum zweiten Mal. Es habe einen guten Grund, dass in der Bundesverfassung der Begriff "First Lady" unbekannt ist, betont er gerne. Am Bauernmarkt schaut er dann doch beim Kunstblumenstand der Leopardendame vorbei und kauft ein Vögelchen aus Ton.

"In der Politik muss man binnen Minuten die richtige Antwort auf die falsche Frage finden. Das ist nicht immer einfach", sagt er. Schon während der Zeit als Chef der Grünen ging es ihm auf die Nerven, zu jedem Thema einen Kommentar abgeben zu müssen. Als 2011 kritisiert wurde, dass er als Uni-Beauftragter der Stadt Wien einen zwar ehrenamtlichen, aber für ihn erfundenen Posten samt Büro und Reisekassa bekam, reagierte er mürrisch und mit Unverständnis. Bis heute hängt er sehr an der Institution Universität: "Dort gibt es -im Gegensatz zur Politik -eine richtige Diskussionskultur." Stellt er sich Menschen vor, die ihn nicht kennen, erzählt er deshalb für gewöhnlich zuerst, dass er an der Universität war, und erst im zweiten Satz von seiner politischen Karriere. Trotzdem bewirbt er sich nun um das höchste politische Amt im Staat.

Rückendeckung bekommt er von den Grünen, doch er besteht darauf, als unabhängiger Kandidat anzutreten. Dahinter steckt nicht nur Wahlkampftaktik: "Die Grünen hatten in der Welt von Alexander Van der Bellen nie den Stellenwert, den die ÖVP für Andreas Khol oder die SPÖ für Rudolf Hundstorfer hatte", sagt der Jurist Heinz Mayer, der selbst einmal im Gespräch für einen Ministerposten einer SPÖ-Minderheitsregierung war. Van der Bellen kennt er seit den späten 70er-Jahren, als die beiden die Verwaltungsakademie des Bundes leiteten: "Er hatte immer große Sympathien für die Partei, aber darin aufgegangen ist Sascha nie."

Lieber würde er eine Wahl verlieren als sein Prestige

Bei seinem offiziellen Wahlkampfauftakt im 19. Stock eines Wiener Wolkenkratzers dominierten am Montag trotzdem die grünen Gesichter. Die Partei stemmt den Wahlkampf personell und finanziell. Für die meisten wäre es eine Sensation, wenn einer aus ihren Reihen das nächste Staatsoberhaupt von Österreich würde. Es gibt aber auch welche, die fürchten, Van der Bellens Erfolg könnte auf die Partei zurückwirken: Man müsste sich dann viele Fragen gefallen lassen, meinen sie, warum der ehemalige Chef so beliebt ist, seine Partei aber nicht vom Fleck kommt.

Noch werden diese Bedenken aber nur halblaut artikuliert. "Als wir die Kandidatur im Jänner bekannt gaben, sind wir noch belächelt worden", sagt Lothar Lockl, der Wahlkampfmanager, "aber jetzt nimmt die Konkurrenz uns ernst." In den meisten Umfragen liegt Alexander Van der Bellen vorne. Trotzdem stilisiert er sich zum Außenseiter. Tatsächlich wird er es in den nächsten Wochen nicht leicht haben. Er wird noch mehr Hände schütteln, noch mehr smalltalken, noch mehr ruppige Fragen höflich beantworten müssen. Er wird sich durch TV-Konfrontationen schlagen müssen, wo seine Qualitäten schnell zu Hindernissen werden: Er unterbricht sein Gegenüber nicht, hört zu, formuliert überlegt. All das arbeitet im Fernsehen gegen ihn. Ihm fehlt der Furor, der Politik am Bildschirm leidenschaftlich und engagiert aussehen lässt. Und sein deutliches Bekenntnis zu Menschenrechten und Mitgefühl ist laut Meinungsforschern nicht mehrheitsfähig.

Van der Bellen bleibt trotzdem dabei: "Der Bundespräsident ist der Erste, der zu seiner Haltung stehen muss. Wer, wenn nicht er? Sonst verliert er sein Prestige", sagt er im ORF-Radio einem Hörer, nicht trotzig, sondern selbstbewusst. Denn Alexander Van der Bellen würde lieber eine Wahl verlieren als sein Prestige.