Schwarzblaue Geschichten

Ein Jahr nachdem die oberösterreichische ÖVP mit Manfred Haimbuchner einen Blauen zum Landeshauptmann-Stellvertreter machte, wildert der in ihrem Terrain. Sein Erfolg stärkt die FPÖ, schwächt aber Heinz-Christian Strache

Erschienen in News 37/16


Mit sechs Jahren war Manfred Haimbuchner Modelleisenbahnbesitzer. Mit 16 war er Mopedfahrer. Und mit 26 wollte er Landesrat sein. Das sagte er seinen Schulkollegen an seinem Welser Gymnasium, als sie ihn 1997 für die Maturazeitung nach seinen "Gedanken zum Erfolg" fragten. Sein Karriereplan war schon damals präzise: Mit 36 Jahren Minister. Mit 46 Bundeskanzler. Mit 56 Bundespräsident. So stellte sich der Maturant seine Zukunft vor. "Ich bin ein beständiger Mensch", sagt Manfred Haimbuchner über sich. Heute ist er 38 Jahre alt, Landesrat und stellvertretender Landeshauptmann von Oberösterreich.

Bei der Landtagswahl im September 2015 gaben 30 Prozent der Oberösterreicher den Blauen ihre Stimme, doppelt so viele wie sechs Jahre davor. Seither regiert die Volkspartei von Josef Pühringer mit den Freiheitlichen von Manfred Haimbuchner. Von "Schwarz-Blau reloaded" profitiert aber nur einer der beiden: In einer aktuellen Umfrage bekommt die FPÖ mit bis zu 35 Prozent am meisten Zuspruch. Die ÖVP verliert vier Prozentpunkte gegenüber dem Wahlergebnis aus dem Vorjahr und käme nur auf den zweiten Platz.

In der oberösterreichischen Volkspartei hat man dafür ein paar simple Erklärung parat: Der Wechsel an der schwarzen Parteispitze, der sich abzeichnet, sorge für Verunsicherung. Es gebe einen Oppositionsreflex in der Wählerschaft, die mit der Bundesregierung unzufrieden sei. Und überhaupt sei Wien schuld. Die politische Großwetterlage werde ja hauptsächlich dort gemacht. Unterdessen lässt die angeschlagene Volkspartei Manfred Haimbuchner in ihrem Terrain wildern. Wer ist der Mann, dem die ÖVP ihr Land überlässt?

"Herr Landeshauptmann, ein Foto bitte!", ruft ihm eine Mutter beim Spaziergang über das Welser Volksfest letztes Wochenende zu. Der "Stellvertreter" wird in der Ansprache gerne vergessen, und Haimbuchner, der seit der Schulzeit von fast jedem "Mandi" genannt wird, sieht keinen Anlass, das zu korrigieren. Mit einem breiten Lächeln positioniert er sich vor der Handykamera. Er drückt Hände, scherzt und lacht laut. Beim Messestand der Jäger bleibt er besonders lang stehen. Zum Anstoßen, Schmähführen und Überzeugen im ÖVP-Milieu. "Wahlkampf ist immer", sagt er, fünf Jahre bevor in Oberösterreich das nächste Mal gewählt wird.

In der Volkspartei betont man derweil lieber seine Handschlagqualitäten. "Mit Haimbuchner ist eine faire, konstruktive und unkomplizierte Zusammenarbeit möglich", sagt Michael Strugl, der Wirtschaftslandesrat der ÖVP. Auch im Umgang mit der SPÖ ist er amikal, grüßt zum Spaß mit "Freundschaft" oder imitiert Landeshauptmann Pühringer, bis alle lachen. Das ist Mandi, der kommode Kerl.

Doch er kann auch anders. Drei Stunden vor dem Waidmannsplausch steht Haimbuchner auf der Bierzeltbühne bei einer Wahlveranstaltung für Norbert Hofer. Das Lächeln ist aus Haimbuchners Gesicht verschwunden, sein Blick ist hart, er schwitzt. "Die Lügen der Willkommenshysteriker verbrennen in den Feuern des Terrors", donnert er von der Bühne. Er schimpft über "Sozialeinwanderer","Armutsreisende" und darüber, dass Asylwerber Grundversorgung bekommen, die "jene Frauen mit ihren Steuermitteln bezahlen, die vorher sexuell belästigt wurden". Das ist Mandi, der Hardliner.

Auf seiner Facebook-Seite warnt er vor "Asyl-Grapschern" und bittet seine Freunde darum, eine Chronologie von Strafanzeigen gegen Asylwerber zu teilen. "Das sind Tatsachen", sagt er. "Man muss das schon kanalisieren." Sobald es einzelne Verdächtigungen gibt, fordert er ein Ausgehverbot für alle jugendlichen Asylwerber.

Bei Rechtsbrüchen der eigenen Fans ist er differenzierter. Als ein Mann im Welser Bierzelt vor der Bühne seine rechte Hand zum Hitlergruß ausstreckt, dauert es nur wenige Sekunden, bis ein Security ihn scharf zurechtweist. "Wie in jeder Partei gibt es auch bei uns einen bestimmten Narrenanteil", sagt Haimbuchner, "den muss man in den Griff kriegen."

Im Beschwichtigen ist Haimbuchner geübt. Schon als seine Schülerzeitung "Das große Desaster" im Welser Gymnasium für Aufregung sorgte, weil Burschenschaften darin bezahlte Anzeigen schalteten, argumentierte er im Editorial, das habe "finanzielle, nicht ideologische Gründe". Heute verortet er seinen politischen Schlüsselmoment in der Schulzeit: "Die antifaschistische Szene hat in meiner Schule absolut intolerant und illiberal auf andere Meinungen reagiert. Aber man hat uns nicht umerziehen können", sagt er grinsend.

Als Student wird Haimbuchner Mitglied der schlagenden Burschenschaft Corps Alemannia Wien zu Linz. Später gibt er sich liberaler und reaktivierte den "Atterseekreis", einen freiheitlichen Thinktank. Der organisiert Veranstaltungen und publiziert alle drei Monate ein Magazin. "Die ablehnende Haltung gegenüber fremden Ethnien hat auch genetische Gründe", wird in der aktuellen Ausgabe argumentiert. Haimbuchner möchte sich aus dem Atterseekreis bewusst heraushalten, obwohl auch er gern philosophische Überlegungen anstellt: "Die Leute fühlen vollkommen zu Recht, dass ihnen ihr Land entzogen wird", sagt er. "Das passiert, indem Gesetze nicht mehr eingehalten werden und indem man das Staatsvolk durch Migration verändert."


Das ist Mandi, der Ideologe.

Im politischen Alltag kehrt Haimbuchner diese Seite aber nicht so sehr heraus. Da überlagern augenscheinliche Erfolge die ideologischen Überlegungen. Die Deutschpflicht bei Wohnungsvergaben und in Schulen, die gekürzte Mindestsicherung für Asylwerber: alles Projekte, die Haimbuchner für sich verbuchen kann.

Tatsächlich haben sie keine großen Auswirkungen: Bis jetzt gibt es noch keinen einzigen Asylberechtigten in Oberösterreich, der nur 520 Euro Mindestsicherung bekommt. Die Forderung, dass in den Schulhöfen nur Deutsch gesprochen werden darf, wurde eben vom Verfassungsdienst des Bundeskanzleramts für unzulässig erklärt. Und auch bei der Wohnungsvergabe hat sich in der Praxis nichts geändert. Trotzdem klingt es schön nach Law and Order, wenn Manfred Haimbuchner beim Rundgang über die Welser Herbstmesse mit einem deutschen Freund scherzt, der versucht, Oberösterreichisch zu reden: "Lern g'scheit Deutsch, sonst kriegst keine Wohnung!"

Peter Binder, der Sozialsprecher der oberösterreichischen SPÖ, sagt: "Vieles an der blauen Politik ist rein kosmetisch. Und Manfred Haimbuchner ist das L'Oréal-Model der freiheitlichen Politik."

Haimbuchner weiß selbst, dass viele seiner Vorschläge nicht entscheidend für die Zukunft des Landes sind. Aber er weiß noch besser, was gut ankommt: "Es geht um einen Wertewandel", sagt er, "darum, aufzuzeigen, dass jetzt eine andere Art von Politik gemacht wird."

Das ist Mandi, der Verkäufer.

Dabei hilft ihm sehr, dass er lebt, wofür er politisch steht. Während Heinz-Christian Strache beim Welser Volksfest die Uniform der Wiener Touristen trägt, die nur zum Kirtag aufs Land fahren -Lederhose mit Timberland-Boots -, tritt Haimbuchner in perfekter Trachtenmontur auf: maßgefertigte Lederhose mit Krax'n, dunkelgrüne Wollstutzen, Grandel-Manschettenknöpfe. Ein Krügerl hier, ein Stamperl da und immer einen Witz über Wien parat. Die Regeln der Welt, in der er sich bewegt, beherrscht Haimbuchner perfekt.

Haimbuchner kommt aus Steinhaus, einer 2000-Einwohner-Gemeinde vor Wels, und ist nie weggezogen von dort. Als er in Wels in die Schule ging, in Linz studierte, in Thalheim in einer Anwaltskanzlei arbeitete, sogar als er drei Jahre lang für die FPÖ im Nationalrat saß -immer wohnte er bei seinen Eltern in Steinhaus. Jetzt baut er mit seiner Frau selbst ein Haus. Der Rohbau steht direkt neben dem Elternhaus.

Das ist Mandi, der Landbub.

Sein bubenhafter Auftritt sorgt immer wieder dafür, dass ihn andere unterschätzen. Doch Haimbuchner weiß diese Situation zu nutzen. Vor einem Jahr gelang ihm bei den Verhandlungen über die Zuständigkeiten in der Landesregierung ein unauffälliger, aber wesentlicher Erfolg. Die blauen Landesräte sind seither nämlich für die Infrastruktur, die Gemeindeaufsicht und das Feuerwehrwesen zuständig. Das heißt: Bei jedem Feuerwehrfest, bei jedem Kirtag und bei jeder Radwegeröffnung haben sie einen gerechtfertigten Auftritt. Haimbuchner selbst übernahm zum Wohnbau und Naturschutz noch die Familienagenden und erreicht mit dem Magazin zur Vorteilskarte das Wohnzimmer jeder Familie in Oberösterreich.

Das ist Mandi, der Stratege.

Auch innerhalb der Bundes-FPÖ nimmt er sich heraus, seinen eigenen Kurs zu bestimmen. Als Norbert Hofer nach dem Brexit-Votum mit einer Volksabstimmung in Österreich liebäugelte, hatte Haimbuchner es eilig, mit der gegenteiligen Botschaft an die Öffentlichkeit zu gehen. "Haimbuchners FPÖ will keine Arbeiterpartei sein, sondern setzt sich für Unternehmertun und Wirtschaftswachstum ein", heißt es in der oberösterreichischen Industriellenvereinigung. Dort wird er sehr dafür geschätzt.

Wenn Oberösterreichs Blaue über ihr Profil sprechen, ist nicht von einer "sozialen Heimatpartei" die Rede, sondern von "Leistungsträgern". Inoffiziell heißt es dann, Generalsekretär Herbert Kickl mache "linke Wirtschaftspolitik".

Irgendwann wird sich auch Manfred Haimbuchner entscheiden müssen zwischen den Menschen, die ihm im Bierzelt zujubeln, und der Industrie, die auf ihn setzt. Zwischen den offenen Grenzen, die Österreichs Exportwirtschaft braucht, und der kulturellen Abschottung, die sich die FPÖ wünscht. Zwischen dem heimatverbundenen Burschen vom Land, der er seit der Schulzeit ist, und dem großformatigen Politiker, der er seit seiner Schulzeit werden möchte.

Irgendwann wird Manfred Haimbuchner vor den gleichen Problemen stehen wie die Landes-ÖVP. Doch bis es so weit ist, ist er ihr größtes Problem.