Shalom im Pinzgau

Im Salzburger Land gibt es keinen Nahostkonflikt: Während Zell am See die Lieblingsdestination arabischer Touristen ist, urlaubten orthodoxe Juden heuer gern in Hinterglemm

Erschienen in News 36/2015


Als Gitty Porgus an diesem Sommerabend ins Hotel zurückkommt, hat sie viel zu erzählen. Vom Gletscher, wo das ganze Jahr über Schnee liegt. Vom See, an dessen Ufer ihr Mann und sie spazierten. Und von Frauen, die sie traf. Frauen, deren Gesichter von einem dunklen Schleier verhüllt waren. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt sie. Gitty Porgus lebt in Israel. In ihrem Urlaub im Pinzgau sieht sie zum ersten Mal Araberinnen.

Gitty Porgus ist 33 Jahre alt und orthodoxe Jüdin. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt sie in Bnei Brak, einer Vorstadt von Tel Aviv. Fast alle Nachbarn dort sind strenggläubige Juden, Araber gibt es keine. Seit die gebürtige Antwerpenerin mit 21 Jahren nach Israel heiratete, war sie nicht mehr im Ausland. Doch diesen Sommer reiste sie mit ihrem Mann nach Salzburg. Es ist das erste Mal seit zwölf Jahren, dass Familie Porgus Urlaub macht. "Möglich macht das Stefan", sagt sie.

Stefan Sommerbichler, den seine Gäste nur beim Vornamen nennen, ist Hotelier in Hinterglemm und eine große Nummer in der jüdischen Welt. In der orthodoxen Szene ist er so berühmt, dass manche ganz verwundert sind, wenn nicht jeder am Flughafen Salzburg oder im Krankenhaus Zell am See seine Telefonnummer kennt. Seit zwölf Jahren führt der 44-Jährige sein Viersternehotel Alpenkarawanserei im Juli und August streng koscher. Seine Sommergäste verwenden den Hotelnamen nie. Für sie ist es einfach "Stefans Hotel".

Zwanzig Kilometer von Zell am See, der liebsten Urlaubsdestination von Gästen aus den Golfstaaten, verbringen in Hinterglemm jüdische Touristen wie Familie Porgus ihre Sommerferien. Sie kommen aus Wien oder New York, aus Jerusalem oder London, aus Montreal oder Mexiko City. Sie gehören unterschiedlichen jüdischen Gemeinden an. Doch sie alle nehmen ihre religiöse Praxis sehr ernst.

Das ist schon auf den ersten Blick zu erkennen: Die Männer tragen dunkle Anzüge oder Gebetsmäntel mit Fransen, Hüte oder ein Kippa, viele haben Bärte und Schläfenlöckchen. Die meisten Frauen verdecken ihr Haar mit elegant frisierten Perücken, untertags tut es auch ein Kopftuch oder eine Mütze. Dreimal am Tag kommen die Männer zum Beten in der hoteleigenen Synagoge zusammen. Eine Thorarolle und Gebetsbücher machen den Raum, in dem in den nicht koscheren Monaten Yoga praktiziert wird, zum Gebetshaus.

"Wir ignorieren einander höflich", sagt David Rottenberg.

Mindestens zehn Männer müssen zusammenkommen, um einen jüdischen Gottesdienst abzuhalten. Deshalb kann, wer seine religiöse Praxis als Jude sehr ernst nimmt, nicht alleine verreisen. Außerdem gelten strenge Speisevorschriften; ab Freitagabend wird der Schabbat gefeiert, der wieder eigene Regeln hat.


Das alles lernte Stefan Sommerbichler, als er als junger Mann im Österreichischen Hospiz in Jerusalem arbeitete. Das Pilgergästehaus gehört der katholischen Kirche, auch Sommerbichler ist Katholik. Doch das Leben der orthodoxen Juden, das er in Jerusalem mitbekam, faszinierte ihn. Mit Freunden wettete der Hotelierssohn um eine Kiste Bier, dass er es schaffen würde, in Hinterglemm gläubige Juden als Gäste zu gewinnen.

Heute prägen orthodoxe Juden im Sommer das Ortsbild von Hinterglemm. "Wir sind eine ganz normale Familie. Was uns Spaß macht, unterscheidet sich nicht von anderen Touristen", sagt Libby Rottenberg auf dem Weg zur Sommerrodelbahn nach Saalfelden. Zwei Wochen verbringt die Londonerin mit ihrem Mann Dovid und den zwei Kindern in "Stefans Hotel", sie sind schon zum zweiten Mal hier.

Anders als in ihrem Londoner Alltag begegnen sie hier Menschen aus den Golfstaaten. In der Schlange an der Sommerrodelbahn stehen die Rottenbergs vor einer Familie aus Saudi-Arabien. Auch sie sind traditionell religiös gekleidet, auch sie sind mit ihren kleinen Kindern da. "Wir ignorieren einander höflich", sagt Dovid Rottenberg. "Hier geht es nicht um Politik. Wir alle sind da, um Urlaub zu machen."

Im Pinzgauer Sommer gelingt, worum sich Verhandler seit Jahrzehnten bemühen: friedliche Koexistenz.

Friedliche Koexistenz

Friedliche Koexistenz herrscht auch zwischen Sommerbichler und Avi Fein, seinem jüngsten Konkurrenten. Seit Jahresbeginn betreibt Fein ein weiteres koscheres Hotel im Pinzgau, das Hotel Victoria in Kaprun. Fein ist selbst Jude und hat immer die passende Anekdote parat: "Wenn ein Geschäftsmann in einen Ort zieht, in dem es schon ein Schuhgeschäft gibt, wird er ein Lebensmittelgeschäft eröffnen", erzählt er, "ein jüdischer Geschäftsmann aber wird ein zweites Schuhgeschäft eröffnen. Denn das Konzept hat ja schon einmal funktioniert."

Auch Avi Fein beherbergt im Winter Skitouristen, in den Sommermonaten aber ausschließlich jüdische Gäste. Als Synagoge fungiert die Karaokebar, es gibt getrennte Küchen für Milch-und Fleischprodukte. "Das ist das Allerwichtigste", sagt Fein. "Bei uns Juden geht es 25 Stunden am Tag ums Essen." Deshalb beschäftigen beide Hotels einen eigenen Maschgiach, einen jüdischen Lebensmittelkontrollor. Er prüft genau: Haben die verarbeiteten Lebensmittel das Koscher-Siegel? Werden die Töpfe und Teller für Milch-und Fleischgerichte streng getrennt? Sind die Eier, die verkocht werden, garantiert ohne Blutspuren?

Bei der Hotelauswahl achten jüdische Gäste penibel auf das koschere Gütesiegel. Das Zertifikat zu bekommen war für Stefan Sommerbichler harte Arbeit. Als er vor zwölf Jahren zum ersten Mal beim Wiener Oberrabbiner Abraham Y. Schwartz vorsprach, um ihm die Idee von einem koscheren Hotel im Pinzgau zu unterbreiten, wollte man ihn abwimmeln. Doch ohne seinen Segen konnte Sommerbichler nicht eröffnen. Er blieb hartnäckig, bis der Rabbiner nach mehreren Monaten endlich der Einladung nach Hinterglemm folgte. Nach einem mehrstündigen Gespräch willigte er ein.

Auch die Pinzgauer mussten von den neuen Gästen erst überzeugt werden: "Am Anfang waren wir alle skeptisch", erzählt Claudia Hasenauer, eine Kellnerin in der Alpenkarawanserei. Der Rabbi kam, um dem Personal die neuen Regeln zu erklären. Alles war kompliziert und ungewohnt. Doch mittlerweile freut sie sich jeden Sommer auf die jüdischen Gäste: "Sie sind sehr höfliche, freundliche Menschen."

Autoreifen am Kopf

In den 1930er-Jahren war der Bezirk Zell am See eine Hochburg der Nationalsozialisten. Kurz nach dem "Anschluss" 1938 hingen vor den Ortseinfahrten von Saalfelden Transparente mit der Aufschrift "Saalfelden braucht keine Juden!". In Krimml plakatierte man: "Juden betreten diesen Ort auf eigene Gefahr!" Heute lebt die Region vom Tourismus. Wenn überhaupt, wird nur hinter vorgehaltener Hand über die jüdischen Gäste geredet. "Was wollen die mit den Autoreifen am Kopf?", heißt es dann in Anspielung auf die runden Pelzmützen.

Bei einem Spaziergang an der Glemm traf Maytar auf Araber. „Schalom“, sagte sie.„Salam“, grueßten sie zurueck.

"Die Menschen hier sind freundlich zu uns", sagt Gitty Porgus aus Israel. Selbst ihre Großeltern sind zu jung, um Zeitzeugen des Holocaust zu sein. Geschichte spielt für sie im Urlaub keine große Rolle. Für Mirjam Roberg, die ebenfalls in "Stefans Hotel" urlaubt, ist das anders: Sie wurde im Jahr 1940 als Tochter deutscher Juden in Amsterdam geboren, die Nationalsozialisten ermordeten ihren Vater. Mit ihrem Mann lebte sie in London, in der Ukraine, nun in Israel. Obwohl er Rabbiner einer Gemeinde in Deutschland ist, pendelt er zwischen Jerusalem und Berlin. "Nach Deutschland zu ziehen würde ich emotional nicht schaffen", sagt Mirjam Roberg. Mit Österreich ging es ihr ähnlich. Bis sie das erste Mal von "Stefans Hotel" erfuhr: "Er weiß so viel über das Judentum, ist bedacht und rücksichtsvoll. Stefan hat mich mit diesem Land versöhnt."

Auch Maytar, eine 19-jährige Jüdin aus Kanada, hat durch ihre Zeit im Glemmtal eine neue Weltsicht bekommen: "Früher dachte ich, ultraorthodoxe Chassiden und ich hätten nichts gemeinsam", sagt sie. Maytar lebt koscher, aber modern. Sie reist alleine, denkt noch lange nicht ans Heiraten, benutzt ein Smartphone. Das letzte Jahr verbrachte sie in Israel. "Aber hier, in Hinterglemm, habe ich mehr über das Judentum gelernt als dort", sagt sie.

Ende August reisen die jüdischen Gäste wieder ab: Maytar fliegt nach Toronto, die Rottenbergs nach London, die Porgus nach Bnei Brak, die Robergs nach Jerusalem. Das koschere Geschirr wird versperrt, in zwei verschiedene Schränke. Der Maschgiach kontrolliert penibel, den Schlüssel nimmt er mit. Jetzt wird "Stefans Hotel" wieder zur Alpenkarawanserei. Österreichische Gäste werden im Herbst zum Wellnessen kommen und im Winter zum Skifahren. Wie jedes Jahr, wenn die koschere Saison zu Ende ist, feiern Stefan Sommerbichler und sein Team eine Party mit unkoscherem Käsleberkäse. "Das ist unser Ritual nach der frommen Zeit", sagt Sommerbichler und lacht.

Erst nächsten Sommer wird der Maschgiach wieder nach Hinterglemm reisen und den Schlüssel für die Geschirrschränke mitbringen. Auch Gitty Porgus möchte wiederkommen. Vielleicht wird sie dann Mut fassen und eine Araberin ansprechen: "Ich hätte sie so gerne gefragt, wie es sich unter dem Schleier anfühlt." Maytar, die 19-jährige Kanadierin, hat schon ein Wort mit Muslimen gewechselt. Vor ein paar Tagen ging sie an der Glemm spazieren und begegnete einer Gruppe arabischer Touristen. "Schalom", sagte Maytar. "Salam", grüßten die Araber zurück. Übersetzt heißen beide Wörter dasselbe: Frieden.

Fotos: Ricardo Herrgott/ News