Triumph und Tragödie

Der Wäschehersteller Triumph schließt sein letztes Werk in Österreich. Die BHs, die bisher in Oberwart genäht wurden, werden bald in Marokko produziert. Protokoll eines letzten Arbeitstages.

Erschienen in News, 25/7/2015

Der letzte Atemzug, den der Nähsaal nimmt, ist kräftig und laut. Er rattert und bläst, er zischt und schleift. Es sind Zweinadelmaschinen und Bügelstationen, "Riegler" und "Fuser", die den Takt angeben, die Halle beschallen. In den letzten Stunden toben die Maschinen besonders laut.

Nur mehr 30 Frauen sind an diesem Dienstag, am 21. Juli, im Triumph-Werk in Oberwart im Dienst. Sie sitzen an jenen Stationen, die in der Unterwäscheproduktion ganz zuletzt kommen: Fäden vernähen, Nähte versiegeln, Unterhosen falten. Weil die Temperatur in der Halle im Sommer schnell steigt, haben sie heute schon um sechs Uhr begonnen. Roswitha Plesser, die Werksleiterin, war sogar noch früher da. Sie ist 56, seit 35 Jahren arbeitet sie bei Triumph. "Mein Leben lang bin ich früh aufgestanden, um arbeiten zu gehen", sagt sie. "Ab morgen ist das egal."

Vor vier Monaten, am 24. März, war es nicht mehr als eine kleine Wirtschaftsnachricht: "Wäschehersteller Triumph schließt das letzte Werk in Österreich und streicht 210 Stellen." Die Näherinnen erfuhren es im Speisesaal. Kay Zumkley, der Geschäftsführer, war gekommen, um sie persönlich zu informieren. "Ich kam schnell zum Punkt. Danach war es minutenlang totenstill", sagt er. Es ist das dritte Werk, das er in Österreich schließt. Im Jahr 2013, er war gerade frisch von Deutschland nach Österreich gezogen und noch keine drei Monate im Amt, machte er die Nähereien in Aspang und Oberpullendorf dicht, 350 Jobs gingen verloren. "Routine bekommt man darin trotzdem nicht", sagt er.

"Das war der schlimmste Tag meines Lebens", sagt Sandra Oswald, 46, seit 20 Jahren bei Triumph. Damals, 1995, war sie an einem Freitag zum Vorstellungsgespräch im Nähsaal. Am Montag darauf fing sie an: "Zuerst habe ich mir gedacht: Lange bleibe ich hier nicht", sagt sie. Doch zwei Jahrzehnte lang gab es keinen Grund, zu gehen. Die Arbeit war gut, die Kolleginnen nett, das Geld kam pünktlich: "Ich habe gerne hier gearbeitet."

"Schuld ist die Globalisierung"

Triumph zog 1962 nach Oberwart, in einer Zeit, als Dessous noch Miederwaren hießen und man sie in eigenen Wäschefachgeschäften kaufte. Bis die Halle, in der noch heute gearbeitet wird, fertig war, wurde im alten Kino genäht. Die Nachfrage war groß, die Nadeln galoppierten. Es gab ein Fließband, bald einen zweiten Nähsaal und genug Arbeit. 36.000 Menschen waren Mitte der 60er-Jahre in der österreichischen Bekleidungsindustrie beschäftigt. 1980 waren es 33.000. Heute sind es nur noch 7.000.

In kleinen Gruppen stehen die Maschinen in Oberwart zusammen, manche sind schon für die Reise bereit gemacht. Sie werden nach Marokko, Vietnam oder Indien verschickt, in andere Triumph-Werke, wo andere Frauen die gleichen Arbeitsschritte durchführen werden. In Österreich kostet eine Minute in der Wäscheproduktion fast 70 Cent. In Marokko sind es zehn Cent pro Minute, in Indien vier. "Es ist die Aufgabe jedes Managers, Standorte kosteneffizient zu führen und Prozessverbesserungen einzuführen. Die Mitarbeiterinnen trifft keine Schuld", sagt Kay Zumkley. "Schuld ist die Globalisierung", sagt Roswitha Plesser.

"Vielleicht können sich manche einen lang gehegten Traum erfüllen", sagt der Geschäftsführer.

In den 90er-Jahren schloss Triumph die Nähereien in Rechnitz und Schattendorf, im Jahr 2000 das Werk in Kirchschlag. Zehn Jahre später war Hartberg dran, 2013 dann Aspang und Oberpullendorf. In der Zwischenzeit wurde der weltweite Handel mit Textilien liberalisiert. Seit 2005 gibt es keine Limitierung mehr, wie viel Kleidung nach Europa importiert werden darf.

Anfang Mai, elf Wochen vor dem letzten Arbeitstag, sitzt an jeder Maschine im Nähsaal eine Arbeiterin. Gabi Domnanits, 49, seit 26 Jahren bei Triumph, ist eine von ihnen. Sie hat bereits die Schließung in Oberpullendorf miterlebt und war eine der wenigen Frauen, die damals in Oberwart weiterarbeiten konnten: "Nach etwas anderem habe ich mich nie umgeschaut, ich mochte meinen Job. Und wenn ich zweigleisig gefahren wäre, hätte ich hier nicht 100 Prozent geben können." Sie weiß, dass bald Schluss sein wird, doch noch ist sie schwer beschäftigt, und es fühlt sich unwirklich an. Was danach kommt, weiß sie noch nicht: "Mein Mann sagt, ich soll mir keine Sorgen machen. Aber natürlich mach ich mir Sorgen." Auch Roswitha Plesser ist besorgt: "Es gibt Tage, da ist das Werk wie ein Bienenstock. Die Nerven liegen blank." Auch sie weiß nicht, wie das Leben nach Triumph ausschauen wird: "Jetzt ist meine Aufgabe, die letzte Produktion gut abzuschließen."

Ein Leben nach Triumph

Auf das Leben danach soll eine Arbeitsstiftung vorbereiten. Die Eisenstädter Unternehmensberaterinnen Annemarie Matkovits und Margit Kritsch haben den Zuschlag dafür bekommen, sie haben bereits bei den Schließungen 2013 vermittelt. Sie organisieren Jobs oder Ausbildungen, bieten Schnupperkurse in anderen Branchen an, beraten, wie es weitergehen soll: "Die Triumph-Frauen waren oft sehr lange in ihren Dienstverhältnissen. Sie sind zuverlässig und konsequent, haben aber keine Erfahrung mit dem modernen Arbeitsmarkt", sagt Annemarie Matkovits. Es geht um Grundsätzliches: Wie bekomme ich Arbeitslosengeld? Welche Meldepflichten habe ich? Wo finde ich offene Stellen und wie bewerbe ich mich?

Das Geld für die Stiftung kommt vom Arbeitsmarktservice und von Triumph, auch die Landesregierung hat 1.200 Euro pro Person zugesagt. Von den Näherinnen, die 2013 entlassen wurden, haben 60 mittlerweile eine von der Arbeitsstiftung finanzierte Ausbildung abgeschlossen. Es gibt frisch gebackene Apothekenhelferinnen, Hörgeräteakustikerinnen, Fitnesstrainerinnen, Pflegehelferinnen. "Ich bin überzeugt davon, dass jede Frau, die bereit ist, etwas Neues zu lernen, einen Job findet", sagt Kay Zumkley, der Geschäftsführer. "Vielleicht können sich manche einen lang gehegten Traum erfüllen. Und einige werden wahrscheinlich einfach nur Hausfrau sein wollen."

"Ich will nicht zu Hause bleiben und schon gar nicht in Pension gehen", sagt Gabi Domnanits Anfang Juni. Es ist der Tag nach dem ersten "Orientierungsgespräch", das auf das Leben danach vorbereiten soll. Der Trainer ist nett, er spricht positiv über die Zukunft. Er baut die Frauen auf. Gabi Domnanits ist so motiviert, dass sie am Abend im Internet weiter nach neuen Jobs sucht: "Ich bin offen für alles, habe ein Auto, kann auch in der Nacht arbeiten." Es sind noch sechs Wochen bis zum letzten Arbeitstag.

"Heute stirbt ein Teil von uns"

Nur zehn der 210 Näherinnen von Oberwart sind gelernte Schneiderinnen. Die meisten fingen gleich nach der Schule an, wurden im Werk eingelernt, beherrschten jeden Handgriff perfekt. "Ob sie woanders auch so gute Leute finden?", fragt sich Sandra Oswald. Sie ist als Gruppenleiterin für 80 Frauen verantwortlich und heute sehr stolz. "Bis zur letzten Minute haben wir gearbeitet - wie immer", sagt sie.

Erst vor zwei Jahren, kurz, nachdem Aspang und Oberpullendorf geschlossen wurden, mussten die Frauen in Oberwart eine ganz neue Technik lernen. BH-Körbchen wurden nun mit Stoff überspannt, der nicht festgenäht, sondern festgeklebt wurde. Man musste präzise sein, das feine Material war rutschig, der Klebestreifen ungewohnt. "Was haben wir geflucht. Da sind Tränen geflossen. Aber wir haben es geschafft", sagt Sandra Oswald. Es war kurz vor Weihnachten und sehr stressig. Aber es gab auch neue Hoffnung: "Wir wurden gebraucht", sagt Gabi Domnanits.

Am Vormittag hat es schon 29 Grad im Nähsaal. Männer kommen und holen die Kaffeeautomaten ab. Sandra Fuchs, 40, seit 25 Jahren bei Triumph, sitzt vor einem Stoß Unterhosen und verpackt jede einzelne. Sie arbeitete bis 2010 im Triumph-Werk in Hartberg. Als das schloss, konnte sie nach Oberwart wechseln. Mit Kopfhörern hört sie Radio Burgenland. Helene Fischer singt "Mal ganz ehrlich". Sandra Fuchs lächelt: "Ich lächle fast immer." Der Unterhosenstoß vor ihr wird schnell kleiner.

Die Frauen haben mehr als die Hälfte ihres Lebens miteinander verbracht: "Heute stirbt ein Teil von uns."


Triumph-Wäsche ist komfortabel, aber nicht glamourös. Deshalb brachte der Job im Werk den Frauen nie viel Prestige. Aber er machte sie stolz: "Wir sind Teil von etwas Großem und stellen eine gute Ware her", sagt Silvia Ivancsics, 45, seit 30 Jahren bei Triumph: "Einen Millimeter durfte ein Faden überstehen, mehr nicht. Das war streng geregelt." Als Betriebsratsvorsitzende verbrachte sie in den letzten Wochen viele Tage in der Konzernzentrale und verhandelte den Sozialplan. Zeit, an ihre eigene Zukunft zu denken, hatte sie kaum: "Als ich hier angefangen habe, war ich eine junge Mutter von drei Kindern, hatte keinen Führerschein und habe mich nicht getraut, nach rechts und links zu schauen." Heute ist sie Großmutter, kann Auto fahren und ist eine selbstbewusste Frau. Viele der Triumph-Näherinnen von Oberwart haben mehr als die Hälfte ihres Lebens miteinander verbracht, sind hier Mütter und Großmütter geworden, haben Kolleginnen beerdigt. "Heute stirbt ein Teil von uns", sagt Silvia Ivancsics.

Um halb zwölf läutet die Glocke die Mittagspause ein, die heute keine der Näherinnen machen wird. Durch die Lautsprecher werden die Frauen aufgefordert, ihre Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu räumen. Die ersten Näherinnen räumen ihre Arbeitsplätze und packen ihre Handtaschen. Nur der "Riegler" macht noch Lärm. Hier wird der Spitzenbesatz von Unterhosen sauber vernäht, ein kleiner Windkanal saugt sie dabei lautstark an. Elvira Hegedüs, 46, seit neun Jahren bei Triumph, ist die letzte, die noch an der Maschine arbeitet. "Ich nehme dir ein paar Höschen ab", sagt eine Kollegin. Doch sie findet keinen Riegler, der noch an den Luftkanal angeschlossen ist.

Die letzten Stechkarten werden eingesammelt, keiner braucht sie mehr. Das Plakat, auf dem die Gewerkschaft die verhandelte Lohnerhöhung feiert, ist abgenommen. Um 11:40 Uhr verstummt der Riegler, das letzte Höschen ist fertig. Auch Sandra Fuchs hat ihren Stapel weggefaltet. Wenn ein Werk stirbt, wird es sehr plötzlich sehr still.

Als Kay Zumkley, der Geschäftsführer, um 12:30 mit Blumen für die Chefin und die Chefverhandlerin in der Halle steht, sind die Näherinnen schon weg. Der Kühlschrank ist geleert, Milch für den Kaffee gibt es keine mehr. "Wären Sie halt früher gekommen", sagt Silvia Ivancsics. Vom schüchternen Mädchen, das vor 30 Jahren zum ersten Mal den Nähsaal getroffen hat, ist nichts mehr übrig.

Auch Gabi Domnanits verabschiedet sich selbstbewusst, mit einem festen Händedruck. Sie möchte den Computerführerschein machen, danach eine Bürokauffraulehre anfangen. Silvia Ivancsics überlegt, als Tagesmutter zu arbeiten. Sandra Oswald wird wieder in die Schule gehen und Pflegehelferin werden: "Wer weiß, vielleicht sage ich in einem Jahr: Danke, Triumph." Roswitha Plesser weiß noch nicht, wie es nach ihrem Urlaub weitergeht.

Mit dem Handy macht sie ein letztes Foto von der leeren Halle. Als Chefin ist es ihre Aufgabe, die Tür zuzusperren. Vor dem Geschäftsführer konnte sie ihre Tränen zurückhalten. Es ist nur ein kleiner Triumph.

 

Bild: Heinz Stephan Tesarek